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 Research | Napoleonic Hortig Bonaparte vor Mantua German Chapter XII

Bonaparte vor Mantua

XII. Bonaparte am 1. und 2. August zu Brescia und Montechiaro.

Der gegen Quosdanovich geplante Schlag war nicht gelungen; Bonaparte hatte auf einen entscheidenden Sieg, auf die Vernichtung eines Teiles der feindlichen Macht gehofft, und tatsächlich war er ohne Kampf nach Brescia gelangt. Damit war nicht viel gewonnen. Das Spiel stand unverändert zugunsten der österreichischen Waffen, und dies umsomehr, als auf der Verbindungslinie zwischen Quosdanovich und Wurmser jetzt nur etwa 5000 Franzosen standen. Waren die beiden österreichischen Generale von der richtigen Absicht geleitet, so rasch als möglich ihre Vereinigung durchzuführen, so konnte die österreichische Armee in 24 Stunden auf den Höhen bei Lonato und Castiglione stehen, und der französische Feldherr hatte es dann nicht mehr in der Hand, nach seinem Belieben sich mit nur einem der getrennten Gegner zu schlagen, sondern er mußte die entscheidende Schlacht wagen, wie sie ihm von den vereinigten feindlichen Kräften geboten wurde. Bonaparte hatte alle Veranlassung, mit dem bisherigen Ergebnis seiner Operationen recht unzufrieden zu sein, und die Frage, was weiterhin zu geschehen habe, war von entscheidender Bedeutung und höchster Dringlichkeit.

Es ist sehr bedauerlich, daß die Korrespondenz für die klare Erkenntnis der nächsten Absichten des französischen Feldherrn nahezu gar kein Material bietet. Vermutlich hat Bonaparte in diesen Tagen sehr viel nur mündlich disponiert, da er seine Generale unmittelbar um sich hatte. Nur aus den nächsten Bewegungen der französischen Heeresteile lassen sich die Entschließungen ihres Führers erkennen. Wie diese zustande kamen, erzählt uns Augereau in den weiteren Teilen des schon mehrfach erwähnten Berichtes. Es kann natürlich nicht überraschen, daß die dramatisch bewegte Schilderung der Vorgänge im französischen Hauptquartier auch jetzt wieder dem General Augereau einen nicht unwesentlichen Anteil an den Entschlüssen des 1. und 2. August beimißt.

Wie der Bericht (Augereau) erzählt, begaben sich über Aufforderung Bonapartes die sämtlichen Divisions- und Brigadegenerale gegen Abend des 1. August zu Bonaparte ins Hauptquartier. Masséna war zu dieser Zeit vermutlich noch an der Chiese, da er nicht ausdrücklich erwähnt wird. Bonaparte nahm das Wort: „Bürger Generale, ich habe Sie rufen lassen, damit wir uns gemeinsam über die Mittel einigen, die zu ergreifen sind, um die Armee zu retten. Mehrere Truppenteile haben sich nach meinem Befehle zurückgezogen. Dem General Sérurier habe ich befohlen, die Belagerung von Mantua aufzuheben und bei San Benedetto über den Po zu gehen. Die Generale Masséna und Joubert sind gezwungen worden, die wichtigen Posten von Corona und Rivoli zu räumen. Sauret hat Salo aufgegeben und sich nach Desenzano zurückgezogen. Der Brigadegeneral Guieu hält sich noch mit 1800 Mann in einem Hause, wo er sich verschanzt hat, ich fürchte aber, daß er, von Munitions- und Mundvorräten entblößt und da ihm alle Verbindungen abgeschnitten sind, der Übermacht bald unterliegen wird. Bürger Generale, Sie kennen die Stellungen unserer Armee wie jene des Feindes so gut wie ich: ich frage Sie, halten Sie es für richtiger, daß wir uns zurückziehen, jenseits des Po eine Stellung nehmen und die Armee vereinen, oder, daß wir, nachdem es uns schon gelungen ist, die Verbindung mit Mailand wieder herzustellen und nachdem wir Herren von Brescia und von San Marco sind, mit den geringen Kräften, welche uns geblieben sind, den Feind angreifen.“

Hier muß die Bemerkung eingeschaltet werden, daß Bonaparte nicht leicht so gesprochen haben kann, denn die Lage der Armee wird durchaus nicht richtig gezeichnet; es werden ferner Mitteilungen gegeben, die den Generalen schon vom 30. und 31. Juli her bekannt waren, und endlich enthält die Ansprache mancherlei wesentliche Irrtümer. So mußte Bonaparte zu dieser Stunde doch schon wissen, daß Guieu befreit war, und die Angabe, daß Serurier über den Po gegangen sei, kann unmöglich von ihm herrühren. Es ist endlich unerfindlich, warum Bonaparte von einer „Rettung“ der Armee gesprochen haben sollte, da diese nahezu vereint und ungefährdet auf ihrer Hauptverbindung stand. Der Bericht fährt fort:

„Mehrere Generale sagten, daß es unbesonnen sei, noch länger mit dem Rückzuge zu zögern und daß es das Klügste wäre, jenseits des Po eine neue Stellung zu nehmen und dort defensiv zu bleiben, bis die Armee vollständig versammelt sei. Alle waren einstimmig für den Rückzug. Da nahm General Augereau das 'Wort und bekämpfte heftig ihre Meinung. Er führte aus, daß, wenn die Armee den Po passiere, der Feind uns zwingen würde, bis in die Riviera von Genua zurückzugehen, und daß es unmöglich wäre, nach einer solchen Niederlage den Rückzug in Ordnung auszuführen, umsomehr, da der Feind doppelt so viel Kräfte als wir hätten. Augereau war der Ansicht, es sei das Richtigste, mit allen Truppen gegen den Feind zu marschieren, die Befreiung Guieus zu versuchen, die Verbindung mit Salo wieder herzustellen, das Eintreffen der im Rückzug befindlichen Truppen abzuwarten, dann den Feind auf allen Punkten anzugreifen und die alten Positionen wieder einzunehmen. Erst dann, wenn wir geschlagen werden, und unsere Pflicht getan haben, dürfen wir an den Rückzug denken.“ Große Klarheit kann man den von Augereau entwickelten Absichten nicht zuschreiben, „Der General D(espinois) erhob sich nach den Worten Augereaus und frug (wohl im Hinblick auf die vom Mincio drohende Gefahr): Und wie werden wir unsere rechte Flanke decken? – Mit den Bajonnetten, antwortete Augereau. – Dieser konnte nicht mehr an sich halten und sagte mit lauter und vernehmlicher Stimme: Ihr könnt Euch meinetwegen bis nach Paris zurückziehen, aber, was mich anbelangt, das schwöre ich Euch, ich gehe nicht mit. – Er verließ höchst aufgebracht den Kriegsrat, und warf sich auf sein Bett, um einen Augenblick zu ruhen. Um 2 Uhr früh (am 2. August), schickte der Obergeneral einen seiner Adjutanten und ließ ihn zu sich rufen. Augereau begab sich sogleich zu Bonaparte, der sich keinen Augenblick niedergelegt hatte und ganz erschöpft war, und frug diesen: Nun, was hast Du mit Deinem Kriegsrat gestern beschlossen? – Nichts, erwiderte Bonaparte, ich habe aber lange überlegt und denke wie Du; man muß auf den Feind losgehen und ihn angreifen, wo man ihn findet. Das ist beschlossene Sache. Du wirst mit Deiner Division nach Montechiaro marschieren, während ich mit Masséna nach Lonato gehe; Sauret wird seine alten Positionen bei Salo nehmen und Guieu befreien.“ 1)

Bonaparte gelangte also zur Anschauung, daß zur Sicherung der gegen Quosdanovich beabsichtigten Operation die bei Castiglione postierte Halbbrigade Valette und die bei Montechiaro zurückgelassene Kavallerie nicht mehr genügen, und daß in der Richtung gegen den Mincio beträchtliche Kräfte vorgeschoben werden müßten. Die französische Armee erscheint daher in den nächsten Tagen nicht mehr in einer Richtung geschlossen angesetzt, sondern, abgesehen von der bei Marcaria postierten Division, in einer Zweiteilung, wobei die Hauptkraft Chiese aufwärts gegen Norden operiert, während die Nebenkraft gegen die von Goito anrückenden Österreicher Front macht.

Für die nächsten Operationen bestimmte Bonaparte die Zusammensetzung der Divisionen, in durchgreifender Abänderung der bisherigen ordre de bataille, mit folgendem Armeebefehl:

Die drei Grenadierbataillone, von welchen zwei bei der Division Augereau und eines bei Sérurier eingeteilt waren, sind nicht erwähnt.

Die Befehle zur Inmarschsetzung der Armee von Brescia fehlen bedauerlicherweise in der Korrespondenz. In der Ausführung ist aber die folgende

Disposition für den 2. August

zu erkennen.

1. Die Division Sauret hat (nachmittags) von Lonato nach Salo vorzurücken und diesen Ort zu nehmen.

2. Die Division Masséna hat sogleich nach Ponte San Marco zu rücken, mit einer Halbbrigade Lonato zu besetzen und in dieser Stellung weitere Befehle abzuwarten. Die 32. Linienhalbbrigade ist (bis zum Eintreffen der beiden Bataillone der 25. Halbbrigade von Iseo) in Brescia zu belassen.

3. Die Division Despinois hat zunächst noch in Brescia zu bleiben und weitere Befehle abzuwarten.

4. Die Division Augereau hat nach Montechiaro zu marschieren und sich dort zur Unterstützung der vorgeschobenen Halbbrigade Valette bereit zu halten.

5. „General Kilmaine hat mit seiner Kavallerie bei Montechiaro stehen zu bleiben. Seine Aufgabe ist, die rechte Flanke der Armee aufzuklären und etwaige Bewegungen des Feindes von Goito her zu beobachten. Der Obergeneral wird persönlich nach Montechiaro kommen und mit ihm die Arbeit der Kavallerie bestimmen.“ 3)

6. „Dem Bürger Faultrier, Direktor des Fuhrparks, wird befohlen, mit dem Park nach Castenedolo, auf der Straße von Brescia nach Montechiaro, zu marschieren, und dort an der Straße nach Bagnolo zu parkieren.“ 4)

Den erfolgten Anordnungen lag unzweifelhaft die Absicht zu Grunde, die im Gebirge zwischen Brescia und Nozza sowie im oberen Chiesetale vermuteten feindlichen Kräfte mit den drei Divisionen Despinois, Masséna und Sauret zunächst in einem großen Bogen Brescia- San Marco-Salo zu umstellen, um am nächsten Tage konzentrisch anzugreifen, während die Divisionen Augereau und Sérurier die rechte Flanke und den Rücken der Armee gegen die feindlichen Kräfte am Mincio zu decken hatten.

In der raschen Ausführung der bald nach Mitternacht erlassenen Befehle setzten sich die beiden Divisionen Augereau und Masséna bei Tagesanbruch nach Montechiaro beziehungsweise San Marco in Bewegung und erreichten im Laufe des Vormittags die angewiesenen Marschziele.

Bis jetzt war Bonapartes Vorstoß gegen den österreichischen rechten Flügel von Osten her ungestört geblieben; nun trat aber ein Ereignis ein, das die weiteren Operationen in der Richtung gegen Norden als sehr gefährdet erscheinen lassen mußte. Darüber wie über die Vorgänge des Nachmittags erzählt weiterhin in lebhafter Ausführlichkeit der (Augereausche) Bericht:

General Augereau, der wegen Sicherstellung von Lebensmitteln und Munitionsvorräten erst gegen Mittag Brescia verlassen konnte, „erfuhr kurz vor Montechiaro, durch einen Meldereiter, den er traf, daß General Valette, welcher zur Verteidigung des wichtigen Postens von Castiglione mit 1800 Mann der 18. leichten Halbbrigade dort gestanden hatte, sich zurückgezogen und gleichzeitig die Generale der Division aufgefordert habe, seinem Beispiele zu folgen. General Augereau, der sah, daß keine Zeit zu verlieren sei, setzte sich sofort mit seinem Stabe und seiner Eskorte in Galopp, um eine rückgängige Bewegung seiner Division zu verhindern. Bei Montechiaro angekommen, sah er die Truppen unter den Waffen stehen und frug seine Generale nach dem Grunde dieser Maßregel. Sie antworteten ihm, daß General Valette einen Brief gesandt habe: daß er gezwungen sei, Castiglione aufzugeben, weil der Feind auf diese Stadt marschiere, und daß er sie auffordere, sich gleichfalls zurückzuziehen. – Augereau erwiderte sofort, daß sie nur vom Obergeneral oder von ihm Befehle zu empfangen hätten, und daß er über ihre Führung erstaunt sei. Er befahl ihnen, die Truppen sofort in die alten Stellungen zurückzuführen, und dort den Feind festen Fußes zu erwarten, bis er neue Befehle gegeben habe.

General Valette traf in Montechiaro ein und gleich darauf sah ihn General Augereau, der ihn frug, wo denn seine Truppe wäre. – Sie kommt hinter mir, antwortete dieser. – Wie, sagte General Augereau, Sie haben Ihre Truppe verlassen? – Valette erwiderte: Eine Abteilung folgt mir, und wohin sich die andere gewendet hat, weiß ich nicht.- Augereau schrie ihn wütend an: Mit welchem Recht schreiben Sie den Generalen meiner Division, daß sie sich zurückziehen sollen? – Ich glaube, sagte Valette, daß es klüger wäre, sich zurückzuziehen, als in Gegenwart des Feindes zu bleiben. -- Gehen Sie, antwortete ihm Augereau, Sie sind ein Feigling. Man verlast niemals eine Stellung, ohne sich zu schlagen; und Sie haben nicht einen Schuß abgegeben. Übrigens, wenn ein General seinen Rückzug macht, hält er sich hinter der Truppe; kommandiert er einen Angriff, so ist er an ihrer Spitze. Ich wiederhole Ihnen, Sie sind ein Feigling. . .!“

General Augereau schickte darauf den General Robert mit einem Kavallerieregiment zur Aufklärung gegen Castiglione, und gab dann Befehl zur Aufstellung der Vorposten, um Überraschungen vorzubeugen. Der Bericht fährt fort: „Gegen 4 Uhr nachmittags traf der Obergeneral mit seinem Generalstab in Montechiaro ein und stieg bei Augereau ab. – Ich erfahre soeben, sagte er diesem, daß General Valette Castiglione verlassen hat, ohne einen Schuß abzugeben, und daß er sich mit einem Teile seiner Truppen hierher zurückgezogen hat, während der andere nach San Marco marschiert ist. Du siehst also, fügte er bei, daß unser Rückzug unvermeidlich ist. – Und warum das, erwiderte Augereau, vertraue mir, und lasse mich nur machen: morgen früh liefere ich dem Feinde eine Schlacht. Der Sieg ist um so sicherer, als die Truppen nichts sehnlicher wünschen, als zu kämpfen. Ich habe soeben die Lager visitiert, und Offiziere und Soldaten sprechen nur davon, sich mit dem Feinde zu schlagen.“ Wie der Bericht dann weiter schildert, begab sich Bonaparte mit Augereau und allen Offizieren zu den lagernden Truppen und allenthalben traf er begeisterte Stimmung und des Sieges sichere Kampflust. Der Eindruck war so lebhaft auf ihn, daß er voll Genugtuung und Zuversicht die Worte sprach: „Eh bien, je crois qu'avec de braves gens comme vous, l'on ne peut pas être battu. Vous attaquerez l'ennemi. et vous serez encore une fois vainqueurs. Darauf ließ Bonaparte – wie Augereau erzählt – die Reste der 18. leichten Halbbrigade und den General Valette kommen, und enthob diesen vor der Front der Truppen seiner Stellung, da er seine Brigade feige verlassen und die Sicherheit der Armee gefährdet habe. Alle Tapferen applaudierten diesem Akt der Gerechtigkeit, und darauf zog sich der Obergeneral zurück unter den Rufen: Vive la république, à l'ennemi! – Bonaparte entschied endgültig, daß Augereau am nächsten Morgen den Feind anzugreifen habe, und daß Augereau seine Dispositionen so treffen möge, wie er es für richtig halte; er überlasse alles seiner Weisheit und seinen militärischen Talenten. Nach einer kurzen Unterhaltung der beiden Generale begab sich Bonaparte mit seinem Generalstabe nach Brescia ins Hauptquartier zurück.“ 5)

Es ist nun von großem Interesse, diese Darstellung der Vorgänge bei Montechiaro mit der eines anderen Augenzeugen zu vergleichen. Landrieux, während der geschilderten Ereignisse Generalstabsoffizier bei der Kavalleriedivision Kilmaine, hatte am 31. Juli von Augereau den Befehl erhalten, mit einer Kavallerieabteilung den Marsch der Division nach Brescia im Rücken zu decken, dann nach Montechiaro zu folgen und alles, was er zwischen Mincio und Chiese fände, dorthin mitzunehmen. Landrieux gelangte auf seinem Rückzuge vor den nachdrängenden Husaren der Kolonne Liptay am 2. August nach Castiglione, wo er mit General Valette zusammentraf. Diese Begegnung und die folgenden Ereignisse schildert Landrieux in seinen Memoiren:

„Die Patrouillen durchstreiften die Gegend von Castiglione. Ich ging hinaus und war eben im Begriff, auf die Schloßruine zu steigen, als General Valette zu mir kam, und mir sagte, Bonaparte habe ihn mit dem Befehl hierher geschickt, mit seinen 1000 Mann Castiglione zu halten. Nach der Rekognoszierung, die er vorgenommen habe, sei aber Castiglione nichts als ein großes, nach allen Seiten offenes Dorf, das im Norden durch die auf Pistolenschußweite entfernten Höhen beherrscht werde, so daß 50 dort postierte Schützen alle seine Leute töten könnten. – Ich werde gehorchen, sagte er, aber ich werde mich unnütz massakrieren lassen, denn der Feind kann Castiglione südlich umgehen und unsere Armee angreifen, ohne daß ich ihn nur eine Minute aufhalten könnte. Ich bin für ihn kein Hindernis. – Ich sagte, daß er recht habe, und zeigte ihm meinen entgegengesetzt lautenden Befehl, nach welchem ich den Rückzug auf Montechiaro fortsetzen und keine Truppe hinter mir lassen sollte. Wir einigten uns dahin, daß ich ihin eine Abschrift meines Befehles geben und daß auch er zurückgehen sollte, sobald wir einige Geschütz- und Flintenkugeln mit dem Feinde gewechselt haben würden, und sobald dieser Kräfte zeigen sollte, die uns von der Notwendigkeit eines weiteren Rückzuges überzeugen müßten. – Boré, Kommandant des Platzes, kam zu uns und erzählte, daß die uns feindlich gesinnten Einwohner, welche am Abend vorher den durchmarschierenden Offizieren Lebensmittel verweigert hatten, jetzt für die österreichischen Generale, die man jeden Augenblick erwarte, ein großes Mahl bereiten ließen. – Wohlan, sagte ich zu Valette, gehen wir dorthin frühstücken, das wird den Kaiserlichen nicht viel schaden. – Einige zwanzig Offiziere schlossen sich uns an, und bald war die Hälfte des Diners verschlungen. Wir traten wieder sehr vergnügt auf die Straße, als ein Bürger ganz verstört auf uns zu kam und mit gerungenen Händen bat, wir möchten uns doch allsogleich zurückziehen, da der Feind schon da sei, und wenn wir bleiben würden, Castiglione in Trümmer geschossen würde. Er fügte noch hinzu, daß alle Mantuaner Bauern, von den Sturmglocken gerufen, herbeieilen und alles plündern würden. Tatsächlich vernahm man das Läuten auf allen Seiten und im Osten und Süden hörte man bei den Vorposten Schießen. Wir wollten diese unterstützen, aber die Hügel zur Linken waren von Feinden voll und unsere Posten gegen den Ort zurückgedrängt. Ich sagte dem General Valette, daß es Zeit zum Rückzuge sei, und er marschierte gegen Brescia ab.“ Landrieux erzählt weiter, wie er mit seinen Reitern den Marsch der Infanterie deckte, dabei einmal mit österreichischer Kavallerie ins Gefecht kam, dann in Montechiaro eintraf, und fährt fort: „Ich begab mich gleich zu General Kilmaine; ich fand diesen in einem großen Kreise von fast allen Generalen der Armee, und auch der Obergeneral war da. Nachdem ich meinen Tagesbericht dem General Kilmaine übergeben hatte, setzte ich mich zu den anderen aufs Stroh und schloß die Augen, um zu schlafen. Bonaparte stieß mit seinem Fuß an meinen und verlangte meinen Rapport; Kilmaine, der ihn gelesen hatte, erhob sich und reichte ihn dem Obergeneral. – Wie, sagte Bonaparte, in größter Wut, Sie wollen uns glauben machen, daß der Feind in Goito ist, und den Mincio passiert hat? Das ist nicht wahr! Was ist das für eine Art zu dienen? Ich habe Ihnen befohlen, den Übergang bis zum äußersten zu verteidigen; das werden Sie mir büßen! – Ich zog sogleich den von Verdier 6) gezeichneten Befehl aus meinem Portefeuille und gab ihn Kilmaine, während Bonaparte auf und ab lief, mit dem Fuße auf den Boden stampfte und meinen Rapport in der Faust zerknüllte.“ Darauf entspann sich zwischen Bonaparte, Kilmaine und Augereau eine Auseinandersetzung wegen des an Landrieux gegebenen Befehles und dann kam Bonaparte, den Rapport weiterlesend, „zur Räumung von Castiglione durch Valette. Das war kein Mensch mehr, das war ein Teufel; er drohte, mich sofort erschießen zu lassen, und diktierte auf der Stelle die Absetzung des Generals Valette.“ Bonaparte begab sich hierauf mit den Generalen nach einem nahegelegenen Hügel, von dem man die Ebene übersehen konnte, von feindlichen Truppen war aber nichts zu merken (vermutlich standen diese verdeckt in Castiglione). Bonaparte überschüttete Landrieux von neuem mit den heftigsten Vorwürfen. – „Was soll nun geschehen? frug endlich Augereau. – Wir werden uns hier verschanzen, sagte lebhaft Bonaparte, Nachrichten von Masséna und von Salo abwarten und unsere Vereinigung vollenden. Wir können uns einige Tage hier halten; Sérurier wird morgen zu uns stoßen, dann gehen wir hinter die Adda zurück, richten uns auf dem rechten Ufer ein und werden dann die Offensive wieder ergreifen. – Und Brot? rief Augereau. Der Soldat hat gestern und heute nichts anderes gegessen, als was er dem Bauer genommen hat, und für morgen ist nichts mehr da. Masséna ist von uns getrennt; wir haben hier 7000 Mann. Was Teufel sollen wir mit der Adda, die überall durchwatbar ist. Übrigens werden wir morgen früh angegriffen werden. Man muß diese Division schlagen, bevor sie jener die Hand reichen kann, welche Masséna zurückgedrängt hat. Die Österreicher sind eine Stunde von hier; sie sind 20000 Mann stark und vielleicht noch stärker, wenn sie Truppen aus Mantua an sich gezogen haben. Aber das ist es nicht, was mich beunruhigt; ich wünschte Sie in ruhigerer Stimmung zu sehen. Ich bin der Freund Deines Ruhmes, sagte er, Bonaparte duzend und ihn an einem Knopfloch fassend. Hier müssen wir uns schlagen, und ich bürge für den Sieg. Übrigens, fügte er hinzu, in einer Art, die man an ihm kannte, und indem er seinen Hut tief ins Gesicht drückte, wenn es uns wieder schlecht geht, so kann das nur kommen, wenn Augereau tot ist. –

Diese originelle Bemerkung und die komische Art, wie sie vorgetragen wurde, schien auch Bonaparte zu beruhigen und rief allgemeine Heiterkeit hervor. Der Obergeneral drehte sich den Generalen zu und sagte mit auffallender Ruhe: Ich bin nicht dieser Meinung, und gerade weil es an Lebensmitteln fehlt, möchte ich das Lager aufheben lassen und nach Pizzighettone und Lodi zurückgehen.- Als er aber sah, daß alle Generale Augereau zustimmten, rief er: Ich will mit der Sache nichts zu tun haben, ich gehe. – Aber wer wird kommandieren, wenn Sie uns verlassen, fragte Augereau. – Du, war die Antwort Bonapartes, und damit entfernte er sich. In seiner biederen Art, die alle Welt ergötzte, wendete sich Augereau jetzt den übrigen Generalen zu und sagte: Ich bin nicht Ihr Ältester, er hätte mir das Kommando nicht übertragen sollen, nicht wahr, Kilmaine? Ich verstehe auch nicht so viel wie Sie. – Nehmen Sie nur das Kommando, erwiderte Kilmaine. – Sie wollen mich also unterstützen? – Gewiß, nur immer vorwärts!“ 7)

Die beiden ausführlichen Erzählungen widersprechen zwar einander im Äußerlichen, zeigen aber in der Schilderung des Wesentlichen doch viel Übereinstimmung. So geht aus beiden Darstellungen hervor, daß der Verlust der Stellung bei Castiglione und das Eintreffen österreichischer Truppen bei diesem Orte den französischen Feldherrn sehr erregten und lebhaft beunruhigten. Marmont spricht in seinen Memoiren seine Verwunderung darüber aus, daß Bonaparte über Valette so in Wut geraten war. Valette konnte, nach Marmonts Meinung, nichts Besseres tun, als mit seinem isolierten Korps zurückgehen, und Bonaparte wollte gewiß. nur seinen Offizieren zeigen, daß ein Rückzug in diesem Augenblicke ein Verbrechen wäre. Daß diese Bemerkung aus der Feder eines Augenzeugen und überdies eines so anerkannt tüchtigen Truppenführers fließen konnte, ist eigentlich befremdend. Valette hatte den klaren Befehl und die sehr wichtige Aufgabe, Castiglione zu verteidigen, und für den Fall, daß überlegene Kräfte ihn angreifen sollten, war ihm Unterstützung von Montechiaro her ausdrücklich zugesagt worden. 8) Er hatte aber Castiglione schon vor Piaczeks Husaren geräumt und einen ernsthaften Widerstand gar nicht versucht. Daß die im Norden auf Pistolenschußweite gelegenen Höhen den Ort beherrschten, so daß „50 dort postierte Schützen alle seine Leute töten konnten“, war kein Grund zum Aufgeben der Stadt, sondern für den Verteidiger nur Veranlassung jene gefährlichen Höhen eben selbst zu besetzen. Im übrigen bot. die Örtlichkeit einem energischen Führer genügende Abschnitte zu nachhaltigem Widerstande.

Ziemlich übereinstimmend wird ferner berichtet, daß Bonapartes nächste Absicht zuerst darauf gerichtet war: die Chieselinie defensiv festzuhalten, die detachierten Kräfte eiligst heranzuziehen, dann gegen Mailand oder die untere Adda zurückzugehen und erst von hier aus mit neuer Kraft in zweckmäßigster Weise zum Angriff überzugehen. Man wird zugeben müssen, daß eine ruhige Betrachtung der neuen Lage und eine der Verantwortlichkeit voll bewußte Überlegung eigentlich nicht leicht einen anderen Entschluß zeitigen konnte. Waren Wurmsers Vortruppen wirklich schon in Castiglione, so konnte dessen Hauptkraft im Laufe des Abends oder in der Nacht dort eintreffen und dann war mit Bestimmtheit für den nächsten Tag ein gleichzeitiges Vorgehen der Österreicher von Norden und Osten her zu erwarten, und man war gezwungen, sich an der Chiese in zwei Fronten zu schlagen. Da überdies die allenthalben verbreiteten Nachrichten die Truppenmacht der österreichischen Entsatzarmee gewaltig übertrieben hatten, so bot der zu erwartende Kampf auch wegen der Stärkeverhältnisse wenig Aussicht auf Erfolg. Daß Augereau in seiner großsprecherischen Art für eine rücksichtslose Fortsetzung des Angriffes gegen Gavardo und Salo plaidierte, und sich erbot, mit seiner Division die österreichische Hauptmacht in Schach zu halten, spricht zwar eindringlich für die persönliche Tapferkeit dieses Generals, der verantwortliche französische Heerführer durfte aber die Sache nicht so leicht nehmen.

„Es kommt wohl vor, daß in solchen (kritischen) Lagen die Unterführer, da auf ihnen nicht die Verantwortung in eben so hohem Maße lastet, ruhiger bleiben und richtiger sehen, dennoch mag man sich hüten, sie deshalb dem Feldherrn gleichzustellen, dessen Geist, eben weil er regsamer und umfassender ist, nun auch einmal die Ungunst der Lage mit allen Möglichkeiten in vollem Umfange sich vergegenwärtigt.“ 9)

Wenn sich Bonaparte schließlich doch noch von der Zuversicht Augereaus und der Kampflust seiner Generale und Truppen zu dem Entschlusse bewegen ließ, die gegen Quosdanovich angesetzte Hauptoperation fortzuführen und die von Goito-Castiglione drohende Gefahr gering zu schätzen, so gab er damit ein klassisches Zeugnis seiner Kühnheit, die bewundernswert erscheint, wenn man sich an Liptays Stelle Wurmsers geschlossene Hauptkraft im energischen Angriff auf Montechiaro denkt, was – wie schon angedeutet wurde – durchaus im Bereiche der Möglichkeit lag. Die Entscheidung war gegeben und Bonaparte eilte gegen Abend nach Brescia, um die weiteren Anordnungen zum Angriff auf Quosdanovich zu treffen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Bonaparte den Weg dahin über Ponte San Marco wählte, um Masséna persönlich von seinen Absichten und Plänen zu unterrichten. – Die Korrespondenz enthält von den am Abend des 2. August erlassenen Dispositionen zwar nur einen an Despinois gerichteten Befehl; aus den tatsächlichen Truppenbewegungen der Nacht und des nächsten Tages und dem in Berichten und Memoiren niedergelegten historischen Material läßt sich aber immerhin die folgende

Angriffsdisposition für den 3. August

zusammenstellen:

1. General Rampon hat noch am 2. August abends (9 Uhr) mit der 32. Linienhalbbrigade von Brescia abzumarschieren und in Ponte San Marco zur Division Masséna zu stoßen.

2. Die in Brescia von Iseo eingetroffenen beiden Bataillone der 25. Linienhalbbrigade übernehmen die Besetzung und Sicherung der Stadt.

3. General Masséna hat am 3. August, 4 Uhr früh, von Ponte San Marco nach Lonato zu marschieren, dieses zu besetzen, und mit einem Teile der Division den Angriff Saurets auf Salo zu unterstützen, während der Rest der Division bei Lonato zu bleiben hat. Dieser Teil der Division, unter dem Kommando des Generals Masséna, hat die Aufgabe, die Verbindung zwischen Augereaus Truppen und den gegen Norden operierenden Kolonnen zu erhalten, ein Durchbrechen feindlicher Kräfte von der Chiese gegen Wurmser zu verhindern und endlich als allgemeine Reserve für beide Armeeteile zu dienen.

4. „General Despinois hat sobald als möglich mit einer seiner Halbbrigaden, 2 Geschützen und 50 Reitern nach Gavardo zu marschieren und den General Sauret in seinem Angriff auf Salo zu unterstützen. – Der Rest der Division hat zur Verfolgung des Feindes auf dem Wege nach San Eusebio-Sabbio-Rocca d'Anfo und Lodrone zu folgen. Diese Bewegung wird durch die Division Sauret, welche noch Verstärkungen erhält, unterstützt werden. Je nach den Umständen werden weitere Befehle noch eintreffen.

Der Hauptzweck dieser Bewegung ist, dem Feinde zu folgen und einen Einfall in Tirol zu versuchen.“ 10)

Zum Marsche über San Eusebio bestimmte Despinois die nur 300 Mann starke 22. leichte Halbbrigade, 2 Bataillone der 39. Linienhalbbrigade, 50 Reiter und 2 Geschütze und stellte diese Truppen unter den Befehl seines Generalstabschef Herbin.

Bonaparte setzt mithin die in Brescia, San Marco, Lonato und Salo bereitgestellten Kräfte zu konzentrischem Vorgehen gegen Gavardo und die obere Chiese an und hält nur wenige Bataillone zur Festhaltung der in mehrfacher Hinsicht wichtigen Gegend von Lonato zurück. – An das Direktorium in Paris berichtete er am Abend noch wie folgt:

„Wir haben Unfälle gehabt, Bürger Direktoren; aber schon beginnt der Sieg zu unseren Fahnen zurückzukehren. Wenn der Feind unseren Posten bei Salo überfallen und das Glück gehabt hat, uns einen anderen bei la Corona aufzuheben, so haben wir ihn bei Lonato geschlagen und ihm Salo wieder abgewonnen. Die österreichische Armee ist sehr stark; die der Republik diesseits der Adda zählt in diesem Augenblick dreißigtausend Mann unter den Waffen und elf- bis zwölftausend Kranke. Ich schicke Ihnen einen von meinen Adjutanten, der Ihnen mündlich ausführlicheren Bericht geben kann. Ich werde Ihnen eine Darstellung alles dessen schicken, was während dieser sechs Tage vorgegangen ist.

Sie können auf den Mut und das Vertrauen der tapferen italienischen Armee, auf unseren festen Entschluß, zu siegen, zählen. Ich habe unter diesen kritischen und schwierigen Verhältnissen Gelegenheit gehabt, den Mut und die gänzliche Hingebung der Armee an den Nationalruhm zu bewundern. Ich lasse die Zitadellen von Mailand, Tortona und Pavia in Verteidigungszustand setzen; aber wenn ich mich entschließe, wieder über die Adda zu gehen, um das Mailändische zu decken, so tue ich es nur, nachdem ich alles Mögliche getan habe, um Ihr Vertrauen und das der tapferen Armee zu verdienen, deren Oberbefehl Sie mir anvertraut haben.“ 11)

Previous: XI. Die Bewegungen Wurmsers vom 31. Juli bis zum 2. August.
Next: XIII. Die Kolonne Quosdanovich am 2. August.
  1. Mémoires de Masséna, p. 462-464.
  2. Correspondance No. 822.
  3. Correspondance No. 824.
  4. Correspondance No. 825.
  5. Mémoires de Masséna, p. 465-467.
  6. Generalstabschef der Division Augereau.
  7. Mémoires de Masséna. Pièces justificatives No. XV, p. 472-476.
  8. Siehe Seite 103.
  9. York von Wartenberg, S. 56.
  10. Correspondance No. 823.
  11. Correspondance No. 821.

Library Reference Information

Type of Material: Text (Book, Microform, Electronic, etc.)
Personal Name: Hortig, Viktor
Main Title: Bonaparte vor Mantua, ende juli 1796.
Der erste entsatzversuch.
Von Dr. Phil. Hortig.
Mit 5 Karten und 5 Textskizzen.
Published/Created: Rockstock, Stiller (G. Nusser) 1903.
Description: viii, 204 p. illus. (5 plans) 5 Fold. maps (in pocket) 23cm.
Notes: "Verzeichnis der benutzten quellen": p. [203]-204.
Subjects: Napoléon I, Emperor of the French, 1769-1821 --Military leadership.
First Coalition, War of the, 1792-1797--Campaigns--Italy.
Mantua (Italy)--History--Siege, 1796-1797.
LC Classification: DC223.4 .H6
Pages: 124-138