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 Research | Napoleonic Hortig Bonaparte vor Mantua German Chapter VIII

Bonaparte vor Mantua

VIII. Das Eingreifen Bonapartes.

Wenn man an die ungemein fesselnde Aufgabe geht, der persönlichen Tätigkeit des Generals Bonaparte während der kritischen Tage vom 29. bis 31. Juli, gewissermaßen von Stunde zu Stunde nachzuspüren, so empfindet man zunächst mit Bedauern den Mangel verläßlicher Angaben über den Ort seines jeweiligen Aufenthalts. Die dürftigen Daten, die da und dort zu finden sind, widersprechen meist einander, und auch solche, die in der Form unumstößlicher Tatsachen gegeben sind, erweisen sich bei schärferem Zusehen meist als völlig unzutreffend, und müssen als wertlos beiseite geschoben werden. Auch die „Correspondance de Napoleon“ gibt über diese Frage zunächst nur unvollkommenen Aufschluß, da die Aktenstücke wohl den Ort und das Datum des jeweiligen Tages, aber nicht die Stunde ihrer Ausfertigung tragen. Mit ähnlichen Schwierigkeiten hat der Versuch zu kämpfen, dem Werden und Entstehen der in jenen Tagen wiederholt wechselnden Entschlüsse des französischen Feldherrn schrittweise zu folgen, da die Korrespondenz, wie oben angedeutet, die zahlreichen Befehle zwar tagweise geordnet, keineswegs aber innerhalb der Tage in chronologischer Reihenfolge bringt. Daß die Sammlung auch unvollständig ist, erschwert die Untersuchung noch wesentlich. Nichtsdestoweniger ist es möglich, der Lösung der gestellten Aufgabe ziemlich nahe zu kommen; die zahlreich vorhandenen Befehle lassen sich durch eingehendes Studieren, Vergleichen und Gegenüberstellen zu einzelnen Entschlüssen des Feldherrn zusammenfassen, Lücken in der Sammlung können erkannt und ihrem wesentlichen Inhalte nach wieder ausgefüllt werden, die Beweggründe werden klar, die immer wieder zur Änderung gefaßter Entschlüsse führen mußten, der Zusammenhang scheinbar loser Tatsachen wird offenkundig, und so gelangt man zur Erkenntnis der imponierenden Geistesarbeit – der körperlichen Anstrengung nicht zu vergessen, – der es bedurfte, um die Armee nach den ersten schweren Niederlagen schon nach kürzester Frist zu entscheidendem Sieg zu führen.

Wo Bonaparte die erste Meldung von dem tatsächlich erfolgten Angriff der Österreicher erhalten hat, ob in Brescia oder in Montechiaro, ist fraglich. Wahrscheinlich ist, daß schon am 28. geheime Kundschafter die Nachricht eines sehr bald zu erwartenden Angriffs nach Brescia gebracht haben, und daß sich auf diese hin Bonaparte am Vormittage des 29., zunächst nur mit einem Teile seines Stabes, 1) in der Richtung auf Montechiaro nach vorwärts begab, möglicherweise um zunächst den letzten Standort des Hauptquartiers, Castiglione, aufzusuchen. Daß Bonaparte beim Eintreffen der ersten Meldung Massenas Brescia schon verlassen hatte, ist insoweit wahrscheinlich, als er im Gegenfalle wohl den kürzeren Weg zu seiner Armee über Ponte S. Marco, und mit seinem ganzen Stabe, eingeschlagen haben würde. Also allem Anscheine nach hat der von Masséna entsandte Ordonnanzoffizier das Armeeoberkommando zwischen Brescia und Montechiaro gefunden, und durch die Wichtigkeit seiner Meldung, die sofortige Entscheidungen verlangte, in Montechiaro festgehalten. Die zunächst auffallende Tatsache, daß Bonaparte zuerst von dem weit entfernten Zentrum seiner Front und erst viel später von Sauret Kunde erhielt, erklärt sich leicht aus dem Umstande, daß die ersten Schüsse bei Ferrara und Rivalta schon um 3 Uhr morgens, bei Pavone aber, wegen der Verzögerung des österreichischen Vormarsches, erst gegen 9 Uhr gefallen waren. Es konnte demnach eine von Ferrara eiligst abgeschickte Meldung schon vor 6 Uhr früh im Hauptquartier Massénas in Bussolengo sein, (28 km zu je 5 Minuten) und von da auf dem Wege über Peschiera und Castiglione, dem letzten Standorte des Armeehauptquartiers, und wohin die Meldungen wahrscheinlich zunächst zu richten waren, den General Bonaparte etwa um 10 1/2 oder 11 Uhr auf der Straße Montechiaro-Brescia erreicht haben (Entfernung Bussolengo-Montechiaro 46 km), also zu einer Zeit, da der Angriff auf Salo erst in Gang gekommen war.

Was Bonaparte von seinen Kundschaftern erfahren hatte, ist nicht festzustellen; die nächst getroffenen Maßnahmen lassen aber mit Sicherheit darauf schließen, daß Bonaparte nicht nur im Etschtale, sondern auch in der Richtung von Bassano her, starke feindliche Kräfte im Anmarsch vermutete. Er war aber auch allem Anscheine nach für Salo und Brescia nicht wenig besorgt, und sah mit großer Ungeduld verläßlichen Nachrichten von Sauret entgegen. Seine

erste Absicht

ging nun dahin, zunächst Masséna mit einem Teil seiner Kräfte zu unterstützen, um Wurmsers Vorbrechen aus dem Etschtal zu verhindern, gleichzeitig aber auch mit seinem rechten Flügel von Verona und Legnago aus über die Etsch vorzubrechen, um die in der Gegend von Villanova vermuteten starken österreichischen Kräfte zu schlagen, bevor es diesen möglich wird, mit den Kolonnen im Etschtal in Verbindung zu treten.

Zur Unterstützung Massénas setzte er Despinois, Allemagne und den größten Teil der Truppen Kilmaines auf Castelnovo und Bussolengo in Marsch, und zwar

die 5. Linienhalbbrigade von Peschiera,
die 39. " " San Giovanni,
die 32. " und das I. Bataillon der 11. Linienhalbbrigade von Verona, und
1000 Reiter und 4 leichte Geschütze, wie die gesamte reitende Artillerie von Vallese aus, während gegen Villanova die beiden leichten Halbbrigaden 17 und 22 unter Rampon und die ganze Division Augereau bestimmt wurden.

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Zur Ausführung dieses Entschlusses erließ Bonaparte um die Mittagsstunden des 29. Juli von Montechiaro aus die nachfolgenden Befehle, die bei dem großen Interesse, das sie beanspruchen können, gleich den späteren, dem Wortlaut nach angeführt werden sollen, um so mehr als sie nur in ihrer Vollständigkeit von dem umfassenden Blick Zeugnis geben, der dem französischen Feldherrn auch in Stunden der Gefahr und begreiflicher Erregung kein Detail der Ausführung entgehen ließ.

1. An Guillaume, Kommandant von Peschiera.

„General Guillaume hat sogleich nach Erhalt dieses Befehles den Brigadegeneral Berlin (5. Linienhalbbrigade) über Castelnovo nach Bussolengo abmarschieren zu lassen, so daß er dort noch vor Mitternacht eintrifft. Es ist mir durch einen Offizier Meldung zukommen zu lassen, zu welcher Stunde dieser General mit seiner Kolonne an den Ort seiner Bestimmung abmarschiert ist.

Es sind ihm mitzugeben: 6 Infanterie-Munitionswagen, und die Haubitzen und die 12 Pfünder, die sich im Artilleriepark befinden; Peschiera hat nur 200 Mann Garnison zu behalten, die sich größter Wachsamkeit zu befleißigen hat. Weiters ist auf der Stelle ein Offizier nach Salo zu entsenden, damit man erfährt, wenn der Feind Bewegungen macht.“ 2)

2. An die Generale Kilmaine und Dommartin (Vallese).

„General Kilmaine hat sich so rasch als möglich mit 1000 Reiter und 4 leichten Geschützen nach Castelnovo zu begeben.

General Dommartin hat sich sofort nach Erhalt des vorliegenden Befehles mit der gesamten reitenden Artillerie, die verfügbar ist, um 4 Uhr nachmittags nach Castelnovo in Marsch zu setzen, und dort weitere Befehle abzuwarten.“ 3)

Beachtet man, daß dieser Befehl nicht viel vor Mittag zur Absendung gelangt sein konnte, und daß die Entfernung Montechiaro-Vallese auf dem kürzeren, aber schlechteren Wege über Valeggio 57 km, auf dem längeren und besseren über Goito 68 km beträgt, der Befehl also bei einer immerhin reichlichen Geschwindigkeit von 5 Minuten für den km mindestens 5 oder 6 Stunden bis zum Eintreffen in Vallese brauchen mußte, und daß Dommartin doch auch zur Inmarschsetzung seiner Artillerie noch einer gewissen Zeit bedurfte, so erscheint die Forderung Bonapartes, „es müsse um 4 Uhr nachmittags abmarschiert werden“ als eine unmögliche. Ähnlichen Erscheinungen begegnet man übrigens in der napoleonischen Befehlsgebung häufiger; bei der Beurteilung der Angriffsdisposition vom 11. April 1796, die zum Gefecht von Montenotte führte, sagt Kuhl: „Merkwürdigerweise verraten aber auch diese ersten Marschbefehle schon eine Neigung, die man später öfter bei Napoleon beobachten kann. Seine lebhafte Phantasie läßt ihn zuweilen Raum und Zeit überspringen. .... 4)

3. An Dallemagne (Verona).

„Es ist unerläßlich, Bürger General, daß Sie heute abend, mit dem General Rampon, den Feind rekognoszieren, besonders die Stellungen, in die er während der Nacht gelangen wird, da ich mit den eintreffenden Verstärkungen den Feind vor Tagesanbruch angreifen will.“ 5)

Diesem Befehl ist aber bald ein zweiter gefolgt; er fehlt in der Korrespondenz, muß aber des Inhalts gewesen sein: „Dallemagne habe sogleich mit den ihm unterstehenden Truppen nach Castelnovo zu marschieren.“ Der nächste an Masséna 6) gerichtete Befehl erwähnt diese Bewegung ausdrücklich, und tatsächlich findet sich die 32. Linienhalbbrigade schon am 30. nachmittags in Desenzano. – Möglicherweise ist der erste im Wortlaut zitierte Befehl an Dallemagne schon auf Grund der allgemeinen alarmierenden Gerüchte und vor dem Eintreffen der Meldung Massénas gegeben worden. –

4. An Despinois (San Giovanni).

Die 39. Linienhalbbrigade hat sogleich nach Castelnovo (oder Bussolengo) zu marschieren, und dort weitere Befehle abzuwarten.

Auch dieser Befehl ist nicht in der Korrespondenz, geht aber auch aus dem nächsten Schreiben an Masséna hervor, das besagt, daß General Despinois mit 2 Halbbrigaden, ebenso auch die 32., zur Unterstützung unterwegs sei. 7)

5. An Augereau (Legnago).

„Der Feind hat den Posten von la Corona geworfen. Man ist dabei, ihn wiederzunehmen. Es ist unerläßlich, wie auch der Ausgang dieses Versuches sei, den Feind anzugreifen und zu schlagen.

Wollen Sie, Bürger General, das 22. Regiment Jäger zu Pferde, 300 Reiter mit 3 leichten Geschützen, welche der General Kilmaine Ihrem Befehl zu unterstellen hat, 8) und die 4. Linienhalbbrigade bei Legnago versammeln und dort nur 800 Mann und eine Kompagnie Kanoniere lassen.

Die 51. Halbbrigade wird sich ebenso mit ihrer Artillerie bei Ronco versammeln und dort die Etsch passieren. Vereinigen Sie sich dann mit ihr bei Zerpa und marschieren Sie auf Villanova und von dort auf Montebello, um den Feind morgen früh anzugreifen. Wenn der Feind seine Stellung verändert hat, greifen Sie ihn an, wo Sie ihn finden. Die Division, welche in Verona steht, 9) wird unterdessen gegen seinen Rücken vorgehen, und wird versuchen, ihm die Verbindung von Montebello auf Ala abzuschneiden.

Ziehen Sie die Schleusen bei Castagnaro 10) auf, 11) und lassen Sie dort einen kleinen Posten, aus Kavallerie und Infanterie bestehend, der die dortige Brücke zu verteidigen hat oder zu verbrennen, sobald er zum Rückzug auf Legnago gezwungen würde. Im Falle einer Niederlage jenseits Villanova ziehen Sie sich auf Verona zurück.

Sie merken, Bürger General, daß diese Operation ein wenig Kühnheit erfordert, und auch Umsicht zu ihrer richtigen Durchführung. Wenn Sie Villanova erreicht haben, geben Sie mir davon Meldung, ebenso von Ihrem Abmarsch von Legnago und von Ronco.

Treffen Sie die Vorbereitungen zur Ausführung dieses Befehles, und wenn Sie bis 11 Uhr abends keinen Gegenbefehl haben, so setzen Sie sich in Marsch.“ 12)

Gleichzeitig muß

6. An Rampon (Verona)

ein Befehl ergangen sein, des Inhalts, daß Augereau am 30. früh von Zerpa aus mit seiner Division die bei Villanova vermuteten feindlichen Kräfte angreifen werde, und daß Rampon zur Unterstützung dieses Angriffs mit den ihm unterstellten beiden leichten Halbbrigaden 17 und 22 gleichfalls am 30. früh gegen Villanova vorzubrechen und besonders darauf zu achten habe, die Verbindung der feindlichen Kolonnen zwischen Montebello und Ala zu unterbrechen.

Endlich erfolgte eine Verständigung Massénas über die getroffenen Maßnahmen durch den folgenden Befehl:

7. An Masséna (Rivoli).

„Das Waffenglück ist unbeständig, mein lieber General; wir holen uns morgen oder übermorgen wieder, was Sie heute verloren haben. Der General Despinois mit zwei Halbbrigaden, auch die 32. und 1000 Mann Kavallerie mit 15 oder 20 leichten Geschützen sind bereits im Marsch, und werden, wie ich hoffe, in der Nacht vor Castelnovo sein. Verbrennen Sie Ihre Brücke, 13) vereinen Sie Ihre Kräfte, ziehen Sie sich in der Nacht etwas vom Feinde zurück und suchen Sie seinen weiteren Vormarsch mit allen Mitteln aufzuhalten. Stützen Sie sich auf den Mincio, und decken Sie immer Castelnovo. Ich werde um ein Uhr nach Mitternacht in Castelnovo sein; melden Sie mir dorthin, wo ich Sie sehen kann. Es ist nichts verloren, so lange man den Mut behält. Die Garnison von Verona hat den Feind tüchtig gezaust.“ 14)

Aus jedem Worte dieser Befehle atmet die ruhige Überlegenheit des seiner Sache völlig sicheren Mannes.

Bald nach Absendung der vorstehenden Dispositionen, und bevor noch das Hauptquartier dazu kam, von Montechiaro aufzubrechen, müssen aber bei Bonaparte Meldungen eingetroffen sein, die ihm die Verhältnisse in neuem Lichte zeigten; er wird von Masséna die große Übermacht der ihn angreifenden Kräfte und den Verlust der Stellung von Corona, und von Guillaume oder Sauret – in etwas unbestimmter Form wohl, wie aus dem zweiten an Guillaume gerichteten Schreiben 15) hervorgeht – das Vorrücken einer starken österreichischen Kolonne im Chiesetal erfahren haben. Beide Nachrichten waren geeignet, den französischen Feldherrn bezüglich der Zweckmäßigkeit seiner zuerst getroffenen Maßnahmen ernste Befürchtungen hegen zu lassen. Kamen seine Befehle für den nächsten Tag zur Ausführung, so hatte er seinen schwachen linken Flügel in völlig isolierter Lage gegenüber starken feindlichen Kräften, seinen rechten Flügel jenseits der Etsch in der Gegend von Villanova, vielleicht sogar darüber hinaus bei Montebello, und zwischen diesen beiden, etwa 75 km entfernten Gruppen nur etwas mehr als die Hälfte seiner Kräfte, und gegen diese war allem Anscheine nach die Hauptmacht des Feindes im Anmarsch. Es lag die Gefahr vor, von den auf Mantua vorstoßenden Österreichern in der Mitte durchbrochen zu werden, und dann konnte der jenseits der Etsch in mehr oder weniger ernste Kämpfe verwickelte rechte Flügel in bedenklichste Lage geraten. Ein engerer Zusammenschluß der Kräfte auf und zunächst der Vorrückungslinie der feindlichen Hauptkraft schien dringend geboten. Tatsächlich gelangte auch Bonaparte noch im Laufe des Nachmittags zum Verzicht auf die gegen Villanova beabsichtigte Offensive, und eine Reihe von Befehlen läßt erkennen, daß seine

zweite Absicht

nunmehr dahin ging: mit den nach Castelnovo bereits in Marsch gesetzten Kräften Masséna zu unterstützen, Verona und die dortigen Etschbrücken mit den Halbbrigaden Rampons festzuhalten, die Division Augereau aber nicht über die Etsch vorgehen zu lassen, sondern hinter der Division Despinois bei Villafranca und Roverbella als allgemeine Reserve aufzustellen. Seine Sorge um Brescia war inzwischen sehr lebhaft geworden, wie die weitgehenden Maßregeln bezüglich der Verhältnisse in seinem Rücken 16) und auch die Ungeduld erkennen lassen, mit der er von Guillaume genaue und verläßliche Nachrichten über Sauret zu erhalten sucht. 17) In den Nachmittagsstunden, vermutlich zwischen 3 und 5 Uhr gab Bonaparte folgende Befehle aus:

1. An Robert (51. Linienhalbbrigade, Ronco).

„General Robert hat auf der Stelle mit den unter seinem Kommando stehenden Truppen aufzubrechen und seinen Rückzug nach Villafranca zu nehmen, wo er morgen vormittag einzutreffen hat. Er wird alles mit sich nehmen, was der Republik angehört. Was er an Detachements, Offizieren, Beamten und Kriegsmaterial auf seinem Wege findet, hat er zu sammeln, und seinen Marsch in größter Beschleunigung auszuführen.“ 18)

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2. An Augereau (Legnago).

„General Augereau hat mit der 4. Halbbrigade und der ihm zugeteilten Artillerie und Kavallerie von Legnago abzumarschieren und sich auf Roverbella zurückzuziehen. Es ist unerläßlich, daß er morgen abends, spätestens in der Nacht, dort sei. Er hat über Castellaro zu marschieren, wohin ich ihm Befehl werde zukommen lassen, falls die Umstände eine Änderung der Situation verlangen. Er wird Sorge tragen, daß die Brücke von Legnago abgebrochen, die Lafetten, welche der Stadt gehören, verbrannt, und die Munition, welche er nicht mitnehmen kann, in den Fluß geworfen werde. Weiters wird er sogleich einen Offizier nach Ferrara 19) senden, damit sich die Garnison dieses Platzes zur Pobrücke von San-Benedetto 20) zurückziehe, und zwar so rasch als möglich. Was er an Offizieren, Detachements und der Republik gehörigen Kriegsmaterial auf seinem Rückzuge findet, hat er mitzunehmen.

Dem Brigadegeneral Robert in Zevio habe ich direkten Befehl zukommen lassen, mit der 51. Halbbrigade und allen unter seinem Kommando stehenden Truppen nach Villafranca zu marschieren, wo er im Laufe des morgigen Tages einzutreffen hat.“ 21)

Gleichzeitig mit diesen beiden Gegenbefehlen muß auch

3. an Rampon (Verona)

ein Befehl ergangen sein, der zunächst die Mitteilung enthielt, daß der Angriff auf Villanova aufgegeben sei, daß aber Rampon die Stadt und die Etschbrücken zu halten habe, um ein Vorbrechen der östlich Verona gemeldeten Österreicher über die Etsch und in die rechte Flanke der bei Castelnovo sich sammelnden Franzosen zu verhindern.

4. An Guillaume (Peschiera).

„Ich erwarte mit Ungeduld Nachrichten über die Division des Generals Sauret; Sie haben mir nur sehr unvollständige gegeben. Schicken Sie Ihren Adjutanten sofort nach Lonato und nach Desenzano, und schreiben Sie mir nach Castelnovo, was Sie erfahren. Sie werden wohl erkennen, wie wichtig es ist, daß ich über die dortigen Vorgänge die genauesten Nachrichten erhalte. Ich bin um Mitternacht in Castelnovo.“ 22) Daß Bonaparte nicht durch einen seiner Generalstabsoffiziere, sondern durch Guillaumes Adjutanten auf dem Umwege über Peschiera zu Nachrichten über Sauret gelangen will, ist auf den ersten Blick befremdend. Es wird aber verständlicher, wenn man sich den im Armeehauptquartier herrschenden Mangel an Offizieren gegenwärtig hält; Bonaparte hatte in diesen Stunden nur einen Teil seines Stabes bei sich, und zahlreiche Befehle waren schon expediert worden. Der aus Peschiera eingetroffene Reiter konnte den Befehl für Guillaume auf dem Rückwege mitnehmen. Beachtet man noch, daß Bonaparte das Resultat der anbefohlenen Rekognoszierung erst in Castelnovo erhalten wollte, wohin der Weg von Desenzano ohnedies über Peschiera genommen werden mußte, so erscheint die Anordnung ganz zweckmäßig.

5. An General Gaultier (Brescia).

„Die Ereignisse bei la Corona erfordern, daß man das schwere Gepäck des Hauptquartiers und die Kriegskassen über Cremona und Pizzighettone nach Mailand abgehen lasse.

Der Oberkriegskommissar und die Verwaltungsbeamten haben sich in das Hauptquartier des Generals Sérurier zu begeben, wo sie neue Befehle erhalten werden.

Mit Ungeduld erwarte ich Berthier und die Offiziere des Generalstabs. Die Umstände sind kritisch genug. Der morgige Tag wird – wie ich hoffe – rühmlicher sein. Schaffen Sie alle Kranken und überhaupt alles der Republik gehörige Material nach Cremona, Piacenza und Mailand. Schreiben Sie nach Mailand, daß man nichts mehr über Cassano 23) sende, und daß man die Festung raschestens in Verteidigungszustand setze.

Geben Sie dem Oberkriegskommissar Befehl, alle Vorräte an Verbandmaterial, Krankenwagen, Lebensmittel, Futter etc. nach Villafranca und Umgebung zu schaffen. Es wird gut sein, wenn er sich mit dem erforderlichen Personal selbst dahin begibt.

Schicken Sie den beiliegenden Brief an General Sérurier.“ 24)

Dieser letzte Auftrag illustriert wieder sehr gut den im Hauptquartier herrschenden Mangel an Ordonnanzreitern.

6. An Sérurier (Roverbella).

„Ein Teil der Division Masséna ist zum Rückzug gezwungen worden. Ich begebe mich diese Nacht mit mehreren Halbbrigaden nach Castelnovo. Vielleicht stellen wir unsere Angelegenheiten wieder her; indessen bin ich zu ernsthaften Vorsichtsmaßregeln für den Rückzug verpflichtet. Der General Augereau marschiert von Porto Legnago nach Roverbella und wird Castellaro passieren. Lassen Sie die ganze Artillerie, die bei der Belagerung nicht gebraucht wird, sofort über den Po schaffen. Besetzen Sie den Kanal bei Borgoforte und jenen von Mantua. 25) Schicken Sie einen Posten nach Goito. Lassen Sie die Linie rekognoszieren, von der ich mit Ihnen schon gesprochen habe. Senden Sie einen Offizier nach Castellaro, und setzen Sie sich mit dem General Augereau in Verbindung, damit Sie ihm im Bedarfsfalle einige Verstärkungen schicken können. Verstärken Sie die Brückenwache von San Benedetto, und sorgen Sie dafür, daß die Brücke über den Oglio 26) in gutem Zustand sei. Was ich da sage, sind alles nur Vorsichtsmaßregeln, denn wir haben noch tapfere und zahlreiche Soldaten, welche noch nie geschlagen wurden. Schicken Sie mir Nachrichten nach Villafranca, und zwar durch Offiziere.“ 27)

Dieser Befehl an Sérurier läßt erkennen, daß Bonaparte schon am Nachmittage des 29. zwei entferntere Möglichkeiten ins Auge faßte: einen Kampf bei Roverbella und die Aufhebung der Belagerung von Mantua. Auf das erstere weist der Auftrag: „Rekognoszieren Sie die Linie, von der ich mit Ihnen schon gesprochen habe“ und der sich höchstwahrscheinlich auf die Linie der Molinella nächst Roverbella bezieht, eine Stellung, wo ein letzter Kampf zum Schutze der Belagerung gewagt werden konnte, auf das letztere die Sorge um den guten Zustand der Brücke bei Marcaria und das Abschieben des entbehrlichen Artilleriematerials über den Po, welche Anordnung nur als Vorsichtsmaßregel für einen etwaigen Rückzug von Mantua gedeutet werden kann. Diese Feststellung ist für die Beurteilung Bonapartes und seiner Entschließungen vom 30. und 31. Juli von wesentlicher Bedeutung, und wird die weitere Untersuchung noch darauf zurückkommen.

Mittlerweile war wohl Berthier und der Rest des Armeehauptquartiers in Montechiaro eingetroffen, und nachdem alle Befehle expediert waren, setzte sich Bonaparte mit seinem Stabe nach Castelnovo zu in Marsch. Daß er dazu den an rühmlichen Erinnerungen so reichen Weg über Castiglione -Valeggio gewählt hat, kann kaum bezweifelt werden. Die Gegend von Desenzano mag ihm wohl zu sehr gefährdet erschienen sein, sollte sie doch erst von Peschiera aus aufgeklärt werden, und daß er nicht über Pozzolengo-Peschiera ritt, kann insofern als sicher gelten, als das letzte an Guillaume gerichtete Schreiben keinen Hinweis auf die Absicht enthält, diesen letzteren Weg einzuschlagen. Die Entfernung Montechiaro-Valeggio-Castelnovo beträgt 38 km. Nimmt man an, daß Bonaparte etwa um 6 oder 7 Uhr abends Montechiaro verlassen hat, so konnte er in Castelnovo, seiner Absicht gemäß, 28) ungefähr vor Mitternacht eingetroffen sein.

Die Nachrichten, die da seiner harrten: Masséna ist aus der Stellung von Rivoli geworfen, und Sauret ist nach Desenzano zurückgedrängt, mögen ihm recht unangenehm gewesen sein. Eben im Begriff, der im Etschtal hart bedrängten Division zu Hilfe zu kommen, sieht er seine Verbindung mit Brescia unterbrochen und seinen Rücken nicht unbedenklich bedroht. Das warf auf die ganze Lage ein neues Licht. Ein Ignorieren der von Westen drohenden Gefahr, etwa in der Absicht, die geschlagene Division Sauret mit der Hoffnung auf wiederkehrendes Waffenglück noch weiterhin sich selbst zu überlassen, dafür aber am 30. spätestens am 31. eine rasche Entscheidung im Etschtal zu erzwingen, ging nicht gut an. Aber nicht die Kühnheit des Wagnisses stand diesem Plan entgegen, sondern der Mangel an Zeit. – Hier rächte sich der Ritt nach Brescia!

Die Möglichkeit einer günstigen und sofortigen Entscheidung im Etschtale konnte sich nur auf die rascheste Versammlung aller nur erreichbaren Kräfte stützen. Vor allem mußte die Division Augereau herangezogen werden, denn erst durch diese hätte Bonaparte, wie man heute die Sachlage übersehen kann, die numerische Überlegenheit über Wurmsers Hauptkolonne und damit die Wahrscheinlichkeit eines Sieges für sich gehabt. Die Division stand zwar 42 km (Ronco) respektive 56 km (Legnago) von Castelnovo entfernt, Augereau war aber ganz der Mann dazu, einer am 31. in dieser Gegend sich entwickelnden Entscheidungsschlacht seine Truppen noch rechtzeitig zuzuführen. Wohl hätte sich Augereau dazu schon am frühen Morgen des 30. in Marsch setzen und demnach schon am Abend des 29. oder in der Nacht auf den 30. im Besitz des bezüglichen Befehles sein müssen; zu dieser Stunde aber mag der französische Feldherr erst von Valeggio nach Castelnovo getrabt sein.

Man könnte dagegen einwenden, daß es fraglich bleibt, ob Bonaparte auch dann zur rechtzeitigen Heranziehung der Division Augereau gelangt wäre, wenn ihn die Ereignisse des 29. tatsächlich bei Castelnovo gefunden hätten. Die Beharrlichkeit, mit der er noch in der Nacht auf den 30. an der Überzeugung festhielt, daß die bei Vicenza gemeldeten und von ihm überschätzten Kräfte gegen Legnago vorbrechen werden, und die ihn auf die Sicherung der Straße Legnago-Mantua großen Wert legen ließ, berechtigt zu diesem Zweifel. 29) Da aber Masséna erwiesenermaßen die Verhältnisse in dieser letzteren Hinsicht richtiger beurteilte, und schon am Abend des 29. die wahre Aufgabe der von Bassano vorgehenden Kolonne erkannt hatte, – „Sie werden sehen, Bürger General, daß es am Ende nichts anderes sein wird als eine Rekognoszierung“ 30) – so ist immerhin anzunehmen, daß Bonaparte, im persönlichen Verkehr mit Masséna, dessen richtige Anschauung bald zu seiner eigenen gemacht haben würde.

Je weiter aber eine Entscheidung östlich des Mincio hinausgeschoben werden mußte, um so mehr Bedeutung gewann die Bedrohung von Salo her, um so gebieterischer wurde die Forderung, weiteren Überraschungen aus jener Gegend energisch vorzubeugen, um so dringender wurde also die Notwendigkeit, die Division Sauret entsprechend zu verstärken. Am nächsten zur Hand waren dem französischen Feldherrn die bei Castelnovo sich sammelnden Truppen und sie standen auch den bedrohten Punkten zunächst; von hier waren also am zweckmäßigsten diese Verstärkungen zu nehmen.

Diese notwendige Verschiebung eines Teiles der Kräfte nach Westen bedeutete aber eine wesentliche Schwächung der gegen Wurmser angesetzten Truppenmacht, was im Verein mit der Ungewißheit über Stärke und Absicht der im Chiesetal gemeldeten feindlichen Kolonne wohl geeignet war, auf die von Bonaparte im Etschtale beabsichtigte Offensive lähmend zu wirken. Aber nicht nur dies allein; auch zur Abwehr der allem Anschein nach sehr energisch auf Mantua zustrebenden österreichischen Hauptmacht zeigte sich die Lage der französischen Armee für den 30. Juli wenig günstig: in erster Linie, südlich Rivoli, die Division Masséna, hart mitgenommen von den scharfen Kämpfen des 29., dahinter die bei Castelnovo sich sammelnden Kräfte, von welchen ein wesentlicher Teil nach Desenzano abgeschoben werden mußte, weiter rückwärts die von Ronco nach Villafranca marschierenden Truppen des Generals Robert, und endlich in einer Entfernung von etwa 50 km die Kolonne Augereau in der eiligen Ausführung des nach Roverbella angeordneten Rückzuges. Diese in einer Tiefe von reichlich zwei Tagemärschen echelonierten Heeresteile schon am 30. Juli zu einer Erfolg versprechenden einheitlichen Tätigkeit zu bringen, mußte unmöglich erscheinen; es lag vielmehr die Gefahr nahe, daß die vordersten Truppen geschlagen würden, bevor die entfernter stehenden zur Unterstützung heran sein konnten. So, wie die Verhältnisse für die französische Armee lagen, durften sie also nicht bleiben, und neue Maßnahmen waren notwendig geworden.

Tatsächlich erteilte denn auch Bonaparte bald nach seinem Eintreffen in Castelnovo, also in der Nacht auf den 30. und in den ersten Vormittagsstunden dieses Tages eine Reihe von Befehlen, die teils in der Korrespondenz enthalten, teils in ihrer Ausführung erkennbar sind, und die sich zu einer geschlossenen Gruppe von Entschließungen zusammenfassen lassen, die man als

dritte Absicht

bezeichnen kann. Sie bestand darin: den General Despinois mit zwei Halbbrigaden zur Unterstützung Saurets nach Desenzano zu schieben, jeder entscheidenden Aktion im Etschtale zunächst aus dem Wege zu gehen, die vorgeschobenen Truppen dem Kontakt mit dem Feinde zu entziehen, Verona zu räumen, die Armee hinter dem Mincio und der Molinella zu sammeln, und dann erst, je nach den Umständen, weiteres zu unternehmen.

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Es gelangten folgende Befehle zur Ausgabe:

1. An Despinois (Castelnovo).

General Despinois hat mit der 5. und 32. Linienhalbbrigade und dem 10. Regiment Jäger zu Pferde nach Desenzano abzumarschieren, dort nachmittags einzutreffen, und – mit Sauret vereint – die Gegend Lonato-Desenzano bis zum Eintreffen weiterer Befehle zu halten.

Dieser Befehl fehlt in der Korrespondenz. Da aber am Nachmittage des 30. diese genannten Truppen tatsächlich bei Desenzano zu finden sind, muß ein ähnlicher Befehl ergangen sein, möglicherweise auch nur persönlich und mündlich an Despinois, und zwar in den ersten Stunden des 30. Juli. Zur Division Despinois gehörte zwar nach der Ordre de bataille neben der 5. die 39. Linienhalbbrigade; da aber diese von San Giovanni einen längeren Marsch nach Castelnovo hatte, als die 32. von Verona aus, mithin erst später verfügbar werden konnte, bestimmte Bonaparte die 32. zum Marsche nach Desenzano.

2. An Cervoni (zwischen San Giovanni und Castelnovo).

Die 39. Linienhalbbrigade erhält Befehl, sogleich nach Villafranca zurückzugehen und sich dort unter das Kommando des Generals Kilmaine zu stellen; und

3. An Rampon (Verona).

Verona ist zu räumen, alles erreichbare Kriegsmaterial ist mitzunehmen, die venetianischen Geschütze sind zu vernageln, die Lafetten zu zertrümmern; 31) mit der 17. und 22. leichten Halbbrigade ist der Rückzug nach Villafranca anzutreten. General Kilmaine wird das Kommando über alle dort sich sammelnden Truppen übernehmen.

Auch diese Befehle sind in der Korrespondenz nicht enthalten; der unter 5. angeführte, an Kilmaine gerichtete, läßt aber ihre tatsächliche Ausführung erkennen.

4. An Masséna (Campora).

„General Masséna hat mit einem Korps von 1500 Mann die Brücke von Valeggio zu besetzen; der Rest der Division wird hinter dem Mincio, bei Peschiera, Aufstellung nehmen. Das ihm gegenwärtig zugeteilte Kavallerieregiment und die Artillerie hat er mit sich zu nehmen. In dieser Position sind weitere Befehle zu erwarten. General Masséna hat alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, daß der Rückzug in größter Ordnung ausgeführt werde, daß jeder auf seinem Platze sei, und daß die Truppen jederzeit zum Schlagen bereit seien.

Da unvorhergesehene Umstände den General Masséna verhindern könnten, sich – sobald er den Befehl dazu erhält – der Straße nach Desenzano und Brescia zu bedienen, so hat er schon im voraus die Straße von Peschiera nach Castiglione, Ghedi und Orzinovi 32) aufzuklären. Die Truppen der Generale Cervoni, Rampon und Robert, sowie die berittenen Truppen Kilmaines treffen heute nacht in Roverbella ein, wo sie weitere Befehle zu erwarten haben.

Die Generale Despinois und Sauret werden heute nacht aus ihrer Stellung bei Desenzano vorgehen, um den Feind anzugreifen und ihn auf Salo zurückzuwerfen. Der General Masséna muß sich über das Resultat dieses Angriffes unterrichten und seine Dispositionen danach treffen.

Das Armeehauptquartier wird sich in Goito etablieren.“ 33)

5. An Kilmaine (auf dem Marsche nach Castelnovo).

„General Kilmaine vereinigt die unter seinem Befehle stehenden berittenen Truppen bei Villafranca, wo er auch die Generale Cervoni, Rampon und Robert mit ihren Truppen finden wird. Er hat das Kommando über diese sämtlichen Truppen zu übernehmen und Befehl zu geben, daß sie noch heute nacht nach Roverbella marschieren und dort bis zum Eintreffen weiterer Befehle Stellung nehmen. Das 5. Grenadierbataillon , 34) das heute abend in Roverbella sein wird, ist nach Goito zu schicken. Castiglione-Mantovana ist zu besetzen.

Ich habe angeordnet, daß 1500 Mann der Division Masséna die Brücke von Borghetto (Valeggio) besetzen, während der Rest der Divion bei Peschiera, hinter dem Mincio, Stellung nehmen wird. General Augereau wird mit seinen zwei Halbbrigaden 35) Castellaro besetzen.

Das Armeehauptquartier wird sich in Goito etablieren.

Nehmen Sie 4 berittene Geschütze mit sich.

Ihre Aufgabe ist, die angewiesene Linie zu decken.“ 36)

6. An Augereau (westlich Legnago).

„Sie müssen schon den Befehl erhalten haben, General, nach Roverbella zu marschieren; die Umstände haben sich aber verändert und Sie müssen eine Stellung bei Castellaro nehmen, hinter der Molinella, um Mantua zu decken. Der General Sérurier hat Befehl erhalten, Sie zu unterstützen, falls sich der Feind Ihnen in größerer Stärke nähern sollte. Im übrigen verlasse ich mich auf Sie, wenn Umstände eintreten, die man nicht vorhersehen kann.“ 37)

7. An Sérurier (vor Mantua).

„Die Stellungen des Generals Masséna sind vom Feinde genommen worden. Die Generale Cervoni, Rampon und Robert sind mit beträchtlichen Kräften nach Roverbella unterwegs und werden dort hinter der Molinella Stellung nehmen. Der General Augereau hat sich gleichfalls hinter der Molinella aufzustellen und zwar bei Castellaro, und da er nur eine Brigade hat, ist es unerläßlich, daß Sie ihn unterstützen. Der General Masséna wird die Linie (des Mincio) von Peschiera bis Goito verteidigen. Es ist notwendig, daß Sie sofort im Einvernehmen mit den Kommandanten der Artillerie und Genie truppen die erforderlichen Maßnahmen treffen, um den gesamten vor Mantua in Verwendung stehenden Artilleriepark bei Borgoforte einzuschiffen. Die Artillerie hat schon seit langem Befehl gehabt, zu diesem Zwecke bei Borgoforte 80 Schiffe bereitzuhalten. Geschosse, die Sie nicht transportieren können, müssen Sie in den See werfen. Geschütze, die nicht fortzubringen sind, müssen unbrauchbar gemacht, und während der Nacht im geheimen in der Erde verscharrt werden.

Wenn sich der Feind übermorgen an irgend einem Punkte der Linie mit großer Übermacht zeigt, würde man bei Formigosa und bei Governola über den Mincio gehen. Die Kolonne, welche in Roverbello steht, würde ihn bei Goito passieren, wo sie noch einen Tag Widerstand leisten kann; es werden zwei oder drei Tage sein, welche die Artillerie Zeit haben wird, um den Belagerungspark zu retten.

Vergessen Sie nicht, die Brücke von San Benedetto zu bewachen; sie darf nicht eher zerstört werden, als in dem Augenblick, da die Minciolinie verlassen werden muß. Überzeugen Sie sich auch, ob die Brücke von Marcaria in gutem Zustande ist, und wenn dies nicht der Fall sein sollte, ergreifen Sie alle erforderlichen Maßnahmen, um sie brauchbar zu machen.“ 38)

Dieser an den Kommandanten der Belagerungstruppen gerichtete Befehl zeigt abermals, daß Bonaparte schon in diesen Stunden daran dachte, daß er im weiteren Verlauf der Ereignisse zur Aufhebung der Belagerung Mantuas gezwungen werden könnte, und daß er es für ein dringendes Gebot der Vorsicht hielt, schon jetzt für diesen immerhin möglichen Fall das kostbare Belagerungsmaterial zu verschiffen und poaufwärts zu bergen. Keineswegs darf aber aus dieser von der Vorsicht gebotenen Maßnahme, die, wie die späteren Ereignisse zeigten, sehr wohl angebracht war, gefolgert werden, daß Bonaparte zur Aufhebung der Belagerung unter allen Umständen entschlossen war, und daß er dem weiteren Widerstande am Mincio und an der Molinella keine andere Bedeutung mehr beigelegt habe, als die zur Verschiffung und Rettung des Belagerungsparks erforderliche Zeit zu sichern. Er hat vielmehr ganz entschieden und auch mit großer Zuversicht damit gerechnet, die Österreicher am 31. entscheidend zurückzuschlagen, und dann, wenn dies gelungen war, die Belagerung wieder fortzusetzen. „Was ich da sage, sind alles nur Vorsichtsmaßregeln, denn wir haben noch tapfere und zahlreiche Soldaten, welche noch nie geschlagen wurden.“ 39) Der Hauptzweck, auf den es ankam, war, Wurmser zu schlagen, und dieses Ziel hat Bonaparte gewiß nur allein, oder doch vor allem anderen im Auge gehabt. Die Bekämpfung der mobilen Kräfte des Feindes war ihm stets so sehr das Wichtigste, so sehr Charaktersache, so ganz seiner agressiven Natur entsprechend, daß er die Rücksicht auf Mantua, das Gebundensein an eine bestimmte Lokalität, wie eine lästige Fessel empfunden haben mag, die er nicht bald genug von sich streifen konnte.

Die von Bonaparte den Hauptkräften angewiesene Stellung hinter dem Winkel Peschiera-Goito-Castellaro war gewiß die zweckmäßigste, die unter den gegebenen Umständen mit den weit getrennten Heeresteilen im Laufe des Tages noch gewonnen werden konnte. Bonaparte verfügte dann über 9000 Mann in der Front Peschiera-Valeggio und 12500 Mann in der Front Roverbella-Castellaro, welche er in 3 beziehungsweise 4 Stunden gegen die inneren Flügelpunkte bei Valeggio und Roverbella konzentrieren konnte. Er war also in der Lage, am 31. mit 21500 Mann, die er sogar unter Umständen durch einen Teil von Séruriers Truppen noch zu verstärken vermochte, dem Angriff der Österreicher entgegenzutreten, und daß er dies nicht ohne Erfolg getan haben würde, läßt sich insoweit vermuten, als der Feldmarschall kaum so viel Kräfte zum Angriff noch anzusetzen hatte. Dieser verfügte zwar im Etschtal über etwas mehr als 24000 Mann, hielt aber Verona besetzt, dann die Kriegsbrücke bei Dolce und blockierte vom 31. morgens an Peschiera mit der etwa 4000 Mann starken Brigade Bajalics; auf eine direkte Unterstützung durch die Kolonne Mészáros konnte er aber für den 31. kaum rechnen.

Aber abgesehen von den für die Franzosen günstigen Stärkeverhältnissen, auch die Art der gewählten Aufstellung war Erfolg versprechend. Die im Winkel zueinander liegenden Fronten des linken und des rechten Flügels gestatteten eine gegenseitige Unterstützung im Kampfe, und wie auch der Angriff der Österreicher angesetzt werden mochte, stets konnte ein Teil der Kraft in glücklicher Weise zu flankierender Wirkung gebracht werden. Hingegen darf nicht unbeachtet bleiben, daß der äußerste rechte Flügel bei Castellaro wohl nur für eine Entscheidung nächst Roverbella, nicht leicht aber für ein nördlich davon, etwa bei Valeggio, sich entwickelndes Gefecht in Betracht kommen konnte. Die Besetzung der Straße Legnago-Mantua mit 3400 Mann, die unter Umständen der Entscheidung entzogen waren, läßt erkennen, von welch nachhaltiger Wirkung die mit der Kolonne Mészáros beabsichtigte Drohung gegen die untere Etsch war.

Bonaparte mag bis in die Mittagsstunden des 30. in Castelnovo, oder in dessen Umgebung geblieben sein. Ob er Masséna persönlich gesprochen und von seinen Plänen unterrichtet hat, wie es seine Absicht gewesen war, bleibt ungewiß. Daß er nicht die ganze Zeit in Castelnovo selbst verblieb, und dort in Ruhe die weitere Entwicklung abgewartet hat, sondern vielmehr die richtige und rasche Ausführung seiner Befehle, wie den Abmarsch der Division Despinois nach Desenzano und den Rückzug der übrigen Truppen nach Villafranca persönlich überwacht hat, kann bei der ungemein impulsiven Natur des französischen Feldherrn als sehr wahrscheinlich gelten. Für die Annahme seiner häufigen Abwesenheit vom Hauptquartier spricht auch der Umstand, daß eine Reihe der von Castelnovo aus ergangenen Befehle nicht seine Unterschrift, sondern die Berthiers „par ordre du général en chef“ trägt.

Daß das Hauptquartier um 3 Uhr nachmittags nicht mehr in Castelnovo war, kann daraus geschlossen werden, daß die Berichte über die Gefechte von Calmasino und Campora, die nur 10 km nördlich Castelnovo geschlagen wurden, eine persönliche Teilnahme des Generals Bonaparte nicht erwähnen. Hingegen gilt als sicher, daß Bonaparte gegen Abend in Desenzano war, so daß man annehmen kann, daß das Hauptquartier etwa nach 2 Uhr nachmittags Castelnovo verlassen und sich über Peschiera nach Desenzano begeben hat. Nach seinem Eintreffen dort erließ Bonaparte die folgenden Befehle:

1. An den Kriegskommissar in Brescia.

„Der Kriegskommissar hat Maßregeln zu treffen und Befehle zu geben, daß alle Kranken und Verwundeten ohne den geringsten Aufschub Brescia verlassen.“ 40)

2. An die Generale Sauret und Despinois.

„Die Divisionsgenerale Sauret und Despinois haben gemeinsam, bei Tagesanbruch, den bei Salo postierten Feind anzugreifen, Guieu und seine Truppen zu befreien und die Verbindung mit Brescia zu sichern.“ 41) Daß Bonaparte außerdem auch mit den anwesenden Generalen die Art der Ausführung eingehend besprochen hat, 42) darüber berichten beide Generale in Übereinstimmung. Aus den letzten Befehlen geht hervor, daß Bonaparte in dieser Abendstunde des 30. Juli von dem Verluste Brescias und von der inzwischen erfolgten Besetzung von Ponte S. Marco durch die Brigade Ott noch keine Nachricht hatte. Wenn er daher in seinem großen, am 6. August nach Paris abgesandten Bericht 43) erwähnt, er habe damals befohlen: „daß General Sauret sich nach Salo wenden soll, um Guieu zu befreien, und daß General Dallemagne 44) Lonato angreifen und um jeden Preis nehmen soll“, so hat er nicht den Befehl zitiert, wie er von ihm gegeben wurde, sondern wie er am 31. unter den inzwischen veränderten Umständen tatsächlich zur Ausführung gekommen war. Daß Bonaparte in diesem Bericht an das Direktorium bei Erwähnung dieses Befehles und der Darstellung der Ereignisse bei Lonato den General Despinois, der als Divisionsgeneral zweifelsohne wesentlichen Anteil an dem Erfolge haben mußte, gar nicht genannt hat, ist übrigens auffallend, und wurde auch von Despinois als Kränkung schwer empfunden. Von Alessandria aus, wohin dieser inzwischen gewissermaßen strafweise versetzt worden war, erhob er am 23. August in einem an Bonaparte gerichteten Schreiben 45) leidenschaftlichen und scheinbar nicht unbegründeten Einspruch gegen diese und noch andere Entstellungen, und brachte – worauf es hier nur ankommt – manche Vorgänge zur ausführlichen Darstellung, was jetzt der richtigen Erkenntnis der Verhältnisse sehr zustatten kommt. So schreibt er unter anderem: „Le général Sauret dira, que le 12 thermidor (30. Juli) vers 8 heures du soir, après que vous fûtes parti de Desenzano pour Peschiera, nous reçumes le premier avis, que les Autrichiennes s'étaient emparés de Brescia.“

Also hat General Bonaparte vor 8 Uhr abends, und vermutlich nicht lange vor dieser Stunde, Desenzano in der Richtung auf Peschiera verlassen. Zweifelsohne hat aber Despinois die außerordentlich wichtige Meldung vom Eintreffen einer starken feindlichen Kolonne in Brescia, wie die ergänzenden Nachrichten, daß Ponte S. Marco besetzt und österreichische Kavallerie bis Lonato streife, dem abreitenden Hauptquartier eiligst nachgeschickt, und so kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Bonaparte ungefähr um 9 Uhr abends, und zwar etwa halbwegs zwischen Desenzano und Peschiera zur Kenntnis dieser sehr ernsten und bedrohlichen Entwicklung seiner Lage gelangt war. Wenn man sich nun vergegenwärtigt, daß gerade zu dieser Stunde auch die Meldung von Masséna eingetroffen sein muß, daß er nachmittags bei Campora geworfen und in eiligem Rückzug auf Peschiera begriffen sei, so kann man leicht verstehen, wenn in dieser kritischen Stunde die ruhige Zuversicht des französischen Feldherrn von ernsten Befürchtungen verdrängt wurde. Seine Maßnahmen für den nächsten Tag hatten sich auf die Annahme gestützt, daß im Chiesetal nur untergeordnete Kräfte des Feindes im Anmarsch seien, daß also ernstliche Gefahr von dieser Seite nicht drohe, und nun erfährt er vom Gegenteil, und sieht die Möglichkeit vor Augen gerückt, bei weiterem Verharren am Mincio gleichzeitig von zwei Seiten her angegriffen und in ungünstigster Stellung, beiderseits des Flusses, zum Kampfe gezwungen zu werden.

Dies mußte vermieden werden, und so sah sich Bonaparte damit abermals vor eine große und folgenschwere Entscheidung gestellt, die rasch getroffen und energisch durchgeführt werden mußte. Als das Nächste und Wichtigste mußte ihm erscheinen, seine Kräfte sofort noch enger zusammenzuschließen, vor allem also Augereau aus seiner Stellung bei Castellaro wieder nach Roverbella heranzuziehen; war das geschehen, dann konnte die Armee nach Maßgabe seiner weiteren Entschlüsse rasch und geschlossen in der als zweckmäßig erkannten Richtung in Bewegung gesetzt werden.

Er gab Augereau folgenden Befehl:

„Sie müssen sich auf Roverbella zurückziehen, General, Ihre Linie aufgeben, die Brücke von Porto Legnago abbrechen, die Positionslafetten verbrennen, damit der Feind Sie nicht auf dem Rückzuge angreifen kann, und was Sie können an Magazinen aufheben. Die Augenblicke sind kostbar. Ich vertraue die Ausführung Ihrer stets gezeigten Weisheit und Klugheit an. Die unglückliche Lage der Armee ist folgende: Der Feind hat unsere Linie auf drei Punkten unterbrochen; er ist im Besitz der wichtigen Posten Corona und Rivoli, Masséna und Joubert sind gezwungen seiner Übermacht zu weichen, Sauret hat Salo aufgegeben und sich nach Desenzano zurückgezogen; der Feind hat sich Brescias und der Brücke von San Marco bemächtigt. Sie sehen, daß unsere Verbindungen mit Mailand und Verona unterbrochen sind. Erwarten Sie neue Befehle zu Roverbella, ich werde mich dorthin in Person begeben.“ 46)

Wo diese Disposition für Augereau geschrieben wurde, ist im Original nicht angegeben. Treffen aber die vorstehenden Betrachtungen über die Bewegungen des französischen Hauptquartiers zu, so wurde dieser Befehl etwa 9 Uhr abends auf der Straße von Desenzano nach Peschiera, nahe der letzteren Stadt, und allem Anscheine nach in großer Eile verfaßt. Nicht nur, daß der Ort der Ausfertigung fehlt, es fehlt auch jeder Hinweis auf die drei vorausgegangenen Befehle und war dadurch geeignet, Mißverständnisse zu erzeugen. Direkt unverständlich sind aber die speziellen Aufträge: die Brücke von Legnago abzubrechen, die Lafetten zu verbrennen und die Magazine aufzuheben; denn Legnago war bereits am frühen Morgen geräumt worden, Augereau befand sich auf dem Rückzuge nach Castellaro, und im Hauptquartier mußte dies doch bekannt sein.

Die nächsten Wege des Hauptquartiers sind dunkel; ziemlich sicher kann nur gelten, daß Bonaparte in der Nacht auf den 31., und zwar am frühen Morgen dieses Tages, etwa um 3 1/2 Uhr, in Roverbella eintraf. So erzählt wenigstens Augereau in einem noch zur Besprechung gelangenden interessanten Bericht, und diese Feststellung hat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Man kann annehmen, daß Bonaparte nach Absendung des oben erwähnten an Augereau gerichteten Befehls zunächst nach Peschiera ritt, um dort Näheres über den Verlauf der Gefechte im Etschtal zu erfahren, und sich dann am rechten Mincio-Ufer über Volta erst nach Goito und dann nach Roverbella begeben hat. Die Entfernung Peschiera-Goito-Roverbella beträgt ungefähr 30 km; Bonaparte kann also sehr wohl Peschiera um 11 Uhr abends verlassen und nach mehrstündigem nächtlichen Ritt Roverbella am 31. Juli um 3 1/2 Uhr morgens erreicht haben.

Wenn man an dieser Stelle einen Rückblick auf die bisherige Tätigkeit des französischen Feldherrn wirft, der in 42 1/2 Stunden 122 km zurücklegt und dabei eine gewaltige Zahl der umfangreichsten und wichtigsten Befehle erläßt und immer wieder mit unerschöpflicher Frische und Spannkraft an die Bewältigung neuer Schwierigkeiten tritt, so muß man die erstaunliche Arbeitskraft und zähe Energie dieses Mannes bewundern, und man glaubt auch gerne, wenn er schreibt: „fünf von meinen Pferden sind vor Erschöpfung zugrunde gegangen.“ 47)

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Bevor nun Bonaparte in seiner weiteren Tätigkeit verfolgt wird, sollen die Bewegungen dargestellt werden, die innerhalb der französischen Aufstellung auf Grund der verschiedenen Befehle im Laufe des 30. tatsächlich zur Ausführung gelangt waren. Wie Masséna wegen des Ausbleibens der ihm zuerst zugesagten Unterstützungen und durch den nachmittags erfolgenden energischen Angriff der Österreicher bei Calmasino und Campora geworfen und zu eiligem und verlustreichem Rückzug auf Peschiera gezwungen worden war, ist bereits erzählt worden. Der Hauptteil der Division traf am späten Abend, die Nachhut unter Victor erst am Morgen des 31. in Peschiera ein. Zur gleichen Zeit erreichte Valette mit dem größten Teil der 18. leichten Halbbrigade Borghetto und besetzte die dortige Brücke über den Mincio.

Von den in der Nacht auf den 30. gegen Castelnovo marschierenden Truppen erreichten die 5. und 32. Linienhalbbrigade das angewiesene Marschziel zuerst und traten noch im Laufe des Vormittags unter Despinois die Bewegung nach Desenzano an, wo sie nachmittags eintrafen und neben Sauret Stellung nahmen. Es wurde schon erwähnt, daß die Kunde vom Falle Brescias und der Besetzung Ponte San Marcos etwa um 8 Uhr abends Desenzano passierte; diese Nachricht veranlaßte die dort stehenden Generale zu besonderen Maßnahmen: Sauret besetzte mit einem Bataillon Lonato und Despinois schob 50 Reiter des 10. Regiments Jäger zu Pferde zur Aufklärung gegen die Chiese vor. 48)

Die übrigen Truppen sammelten sich im Laufe des 30. bei Villafranca: Cervoni mit der 39. Linienhalbbrigade und Kilmaine mit den berittenen Truppen von Castelnovo, Rampon mit der 17. und 22. leichten Halbbrigade von Verona her, und Robert, der sich mit der 51. Linienhalbbrigade von Ronco aus dahin zurückzog. Von Villafranca führte Kilmaine die versammelten Truppen nach Roverbella, das er im Laufe der Nacht erreichte.

Augereau war unterdessen, nachdem er in der Nacht vom 29. auf den 30. auf Grund des ersten, die Offensive gegen Villanova anordnenden Befehls, seine längs der Etsch verteilten Posten nach Legnago eingezogen hatte, am frühen Morgen des 30. Juli von dort abmarschiert und Etsch-aufwärts gegen Zerpa vorgerückt, um sich dort mit Roberts Truppen zum weiteren Vormarsch zu vereinen. Nach kurzem, etwa einstündigem Marsche, traf aber schon der zweite Befehl ein, der ihn mit der 4. Halbbrigade nach Roverbella berief, er kehrte um, passierte wieder Legnago und traf nach gewaltigem Marsch in den ersten Morgen- stunden des 31. in Roverbella ein. Man kann die Abmarschstunde von Legnago für etwa 2 Uhr morgens und als Stunde des Eintreffens in Roverbella die dritte Morgenstunde des 31. annehmen. Fixiert man damit die ganze Marschzeit auf etwa 25 Stunden und beachtet man, daß die Entfernung Legnago-Roverbella 48 km beträgt, und daß die Truppen schon am linken Etschufer eine Strecke gegen Zerpa vorgerückt waren, so gebührt dieser bei größter Hitze vollbrachten Marschleistung die höchste Anerkennung. 173 Mann soll die Brigade auf dem Marsche verloren haben. 49) Bald nach seinem Eintreffen in Roverbella erhielt aber Augereau den sehr verspäteten dritten Befehl, der die Besetzung von Castellaro verfügte, und sofort setzten sich die Truppen wieder zum Rückmarsch dahin in Bewegung. Sie kamen aber nicht weiter als bis Castiglione Mantovana, da inzwischen der vierte Befehl angelangt war, nach welchem Augereau und seine Truppen das Eintreffen Bonapartes bei Roverbella abzuwarten hatten. Es ist nicht ohne Interesse die Meldung kennen zu lernen, die Augereau kurz nach seinem Eintreffen in Roverbella, und bevor er den letzterwähnten Befehl in Händen hatte, also am 31. morgens, an Bonaparte abschickte. Sie lautet:

„Meine Truppen sind heute früh 3 Uhr hier angekommen, nachdem sie zwei Nächte und einen Tag marschiert sind. Sie sind jetzt im Begriff, nach Castellaro zu marschieren. Ich bemerke Ihnen, daß ich nur die 4. Halbbrigade habe; 50) die 51. bildet einen Teil der Division des Generals Kilmaine. Ich habe auch ein wenig Kavallerie und 11 leichte Geschütze, was für so wenig Infanterie reichlich viel ist.

Den General Kilmaine habe ich nach seiner Ankunft aufgesucht, um mit ihm zum Besten des Dienstes in Verbindung zu treten. Ich habe mit ihm vereinbart, daß er zur Deckung Mantuas und zur leichteren gegenseitigen Unterstützung zwischen Roverbella und Castellaro, die 14 Meilen 51) voneinander entfernt sind, eine Halbbrigade postiere. Sie sehen, daß ich ganz isoliert und ohne Hoffnung auf Unterstützung bin. Aber je größer die Gefahr, desto mehr Entschlossenheit muß man zeigen. Rechnen Sie auf meinen Eifer und meine Tätigkeit.

Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, auf welchen Punkt ich mich im Notfall zurückziehen soll, weil ich weder Ihre Intentionen noch die Stellung der Armee kenne.

Alle Ihre Befehle wurden ausgeführt. Jene, welche Sie mir für den Rückzug gaben, haben mich keineswegs beunruhigt.“ 52)

Bald nach Absendung dieser Meldung, und bevor noch Augereau Roverbella verlassen hatte, um seinen Truppen nach Castellaro zu folgen, also am 31. Juli um 3 1/2 Uhr morgens, kam, wie schon erwähnt, Bonaparte mit dem Hauptquartier in Roverbella an. Wenn man nun eine Vorstellung von den allernächsten Vorgängen und den Umständen gewinnen will, unter welchen der entscheidende Entschluß zustande kam, der in geradezu wunderbarer Weise die höchst kritisch gewordene Lage der Franzosen in wenigen Tagen ins Gegenteil kehrte, so muß man vor allem auf einen Bericht zurückgreifen, der zwar nicht die Unterschrift seines Verfassers trägt, dessen Urheberschaft aber unbestritten einem Manne zugeschrieben wird, der unmittelbarer Zeuge jener Stunden war, nämlich dem General Augereau. Die Prüfung der Lauterkeit dieser Quelle soll später erfolgen; hier sei erst der Bericht in seinem Wortlaut gebracht, vielmehr nur insoweit, als er für die vorliegende Untersuchung von Interesse ist. Er lautet:

„Die Aufstellung erstreckte sich längs der Etsch. Der rechte Flügel war auf Rovigno gestützt, der linke auf Ronco, und das Zentrum auf Anghiari. Das Hauptquartier der Division war in Legnago. Der General Beyrand kommandierte den rechten Flügel, der General Robert den linken und General Augereau im Zentrum. Die Stärke der Division war 10000 Mann Infanterie, 600 Reiter, 6 leichte Geschütze und 6 Feldgeschütze unter dem Kommando eines Oberst der Artillerie.

Im Laufe des 12. thermidor (30. Juli) erhielt General Augereau einen Befehl des Obergenerals Bonaparte, die Etschlinie aufzugeben, in Legnago eine Besatzung zu lassen, auf Verona zu marschieren, wo 6000 Mann unter Rampon stünden, diese an sich zu ziehen, und dem auf Verona vorrückenden Feinde eine Schlacht zu liefern.

Die ganze Division empfing die genauesten Befehle und setzte sich bei Tagesanbruch des 13. thermidor (31. Juli) in Bewegung, um den Feind anzugreifen. Nachdem die Division eine Stunde lang marschiert war, erhielt Augereau vom Oberbefehlshaber einen Befehl, der folgenden Wortlaut hatte: „Sie müssen sich auf Roverbella zurückziehen, General, etc. .. Die unglückliche Lage der Armee ist folgende: . . .“ – Der Bericht führt hier den bereits erwähnten, der Zahl nach 4. Befehl an Augereau an (Siehe Seite 84) und fährt dann fort: „Nach Empfang dieses Befehles beeilte sich Augereau, seine Division auf Legnago zurückzuführen. Er hob an Magazinen auf, was er konnte, und gab seinen Truppen Befehl, nach Roverbella zu rücken, während er neun Grenadierkompagnien, vierhundert Pferde und zwölf leichte Geschütze bei sich behielt. Er brach die Brücken ab, verbrannte die Positionslafetten und setzte sich mit dieser kleinen Abteilung in Marsch, um den Rückzug seiner Division zu decken. Kaum hatte Augereau eine Viertelmeile zurückgelegt, als der Feind auf dem anderen Etschufer auf Legnago vorrückte; 53) da dieser aber viel Zeit nötig hatte, die Brücken herzustellen und den Fluß zu überschreiten, so wurde der französische Rückzug nicht beunruhigt. Als Augereau nach drei Stunden Marsch erkannte, daß nichts mehr zu fürchten sei, begab er sich mit der Kavallerie an die Spitze der Division, überließ den Befehl dem General Beyrand, und ging mit seinem Stabe und einer kleinen Kavallerieabteilung nach Roverbella voraus. Wie groß war seine Überraschung und sein Schmerz, als er die Truppen, welche die Besatzung der Stadt bildeten, bei seiner Ankunft in der schrecklichsten Unordnung fand. Ein plötzlicher Schrecken hatte sich ihrer bemächtigt. Die Verwaltungsbeamten vermehrten die allgemeine Verwirrung, indem sie von allen Seiten schrien: „Die Ulanen sind da, der Feind ist da.“ Die Straßen waren dermaßen durch die Wagen der Frauen, welche der Armee folgten, gesperrt, daß es den Truppen unmöglich war, sich einen Durchgang zu verschaffen.

Sobald Augereau die aufs höchste gestiegene Unordnung und Verwirrung sah, schickte er auf der Stelle einen Offizier zur Division, um den Marsch der anrückenden Truppen aufzuhalten, wo er ihnen auch begegnen sollte, und den befehligenden Generalen jede Bewegung zu untersagen, bis sie neue Weisungen empfangen hätten. Die Absicht des Generals Augereau war dabei, die Truppen der Division vor dem gefährlichen Schauspiel, welches die Besatzung dieser Stadt darbot, zu bewahren und sie nicht dem strafbaren Treiben auszusetzen, das von den in großer Anzahl bei der Armee befindlichen Übelwollenden ausgegangen war. Von seinem Stabe unterstützt, verlor General Augereau keinen Augenblick Zeit, um sich der Wiederherstellung der Ordnung zu widmen. Er ernannte einen entschlossenen und tatkräftigen Offizier zum Stadtkommandanten, stellte ihm seine Kavalleriebedeckung zur Verfügung, und in kurzer Zeit waren die Straßen frei und die Ruhe hergestellt.

Um 3 1/2 Uhr kam der Oberbefehlshaber Bonaparte mit seinem Stabe an. Er stieg bei General Augereau ab und teilte ihm die Stellung beider Armeen mit. Sie war nicht Mut einflößend, aber Augereau antwortete ihm: „Es bleiben uns viele Hilfsmittel; bedenken Sie, daß Sie bei dieser Gelegenheit Ihre wahren Freunde erkennen werden. Je größer die Gefahr, je dringender sie ist, desto mehr muß man dem Feinde imponieren ohne seine Kräfte abzumessen.“ Der General Berthier, Chef des Generalstabes, ergriff das Wort und sagte: „Ich glaube, daß General Augereau augenblicklich über die Stellungen des Gegners nicht genügend unterrichtet ist.“ – „Ich kenne sie besser als Sie, erwiderte Augereau. Im übrigen bedürfen wir hier nicht der Worte, sondern der Taten.“ Bonaparte, welcher einige Augenblicke Stillschweigen beobachtet hatte, brach es und sagte: „Was würden Sie tun, um die Armee zu retten?“ – „Was geschehen muß, erwiderte Augereau, ist folgendes: die Truppen vereinigen, einige Exempel an den Elenden, welche Schrecken in den Reihen der Armee verbreiten, statuieren und vor allem nicht mehr von Rückzug sprechen; ich meinerseits erkläre, daß ich es nicht mehr tun werde. Die Division, welche ich befehlige, ist noch niemals geschlagen worden. Sollte sich die gesamte österreichische Armee vor mir zeigen, mit solchen Leuten verspreche ich sie zu besiegen. Ich will lieber tapfer an der Spitze meiner Soldaten untergehen, als mich durch einen schimpflichen Rückzug entehren. Wenn dieser Rückzug einmal befohlen ist, so wird es nicht mehr in unserer Macht stehen, ihn aufzuhalten. Es wird keine Ordnung, keine Zucht mehr herrschen. Jeder einzelne Soldat wird sein Heil in der Flucht suchen, und die Bauern werden sich erheben und die Armee im einzelnen ermorden.

Ich wiederhole es, ich fühle, wie kritisch unsere Lage ist, aber jeder General schwöre einen Eid, den Gegner zu schlagen oder tapfer unterzugehen, und wir werden alle unsere Schuldigkeit getan haben; der Feind wird aufs neue verjagt, Italien wieder frei und die Republik gerettet sein. Sie können sich nicht verhehlen, daß ganz Europa die Augen auf uns gerichtet hat, und daß der Augenblick, in dem wir Italien verlassen, den Bürgerkrieg in Frankreich entzünden wird.“ An Bonaparte gewendet, fährt Augereau fort: „Sie sagen mir, daß der Feind sich der Brücke von San Marco und Brescias bemächtigt hat; wohlan, ich werde heute abend abmarschieren, werde mich nach Brescia begeben, den Feind verjagen und die Verbindung zwischen Mailand und Verona wieder herstellen. Einige Stunden der Ruhe werden meinen Soldaten genügen. Wenn ich mit diesem Plane Erfolg habe, so ist viel geschehen“

„Nun denn, sagte darauf der Obergeneral, so muß ich die Belagerung von Mantua aufheben. – Augereau bekämpfte diese Meinung sehr lebhaft und wollte absolut nicht, dali man die Belagerung aufhebe. Er gab zu bedenken, daß man in 48 Stunden den Feind geschlagen haben würde und wieder in den alten Stellungen zurück sein könnte. Er bemerkte dem General, daß Mantua am Ende seiner Kräfte und auf dem Punkte wäre, sich zu ergeben, und daß, wenn man die Belagerung aufhebe, Mantua nicht verfehlen würde sich neu zu verproviantieren. Aber, der General überzeugte mit seiner Rede nicht, und die Belagerung wurde in der Nacht vom 13. zum 14. (31. Juli zum 1. August) aufgehoben. Der General Sérurier, welcher sie kommandierte, erhielt den Befehl zum Rückzug und sollte den Po bei San Benedetto passieren.“ 54)

Nimmt man den vorstehenden Bericht für das, was er sein könnte, für die wahrheitsgetreue Darstellung eines Augenzeugen und Mitwirkenden, so würde man daraus entnehmen können, daß Augereau gelegentlich einer von Bonaparte herbeigeführten Rücksprache über die Lage der Armee und die nächst zu ergreifenden Maßnahmen diesem vorgestellt hat, daß es seiner Meinung nach das Zweckmäßigste wäre, die Armee sofort zu vereinen und mit ihr nach Ponte San Marco und Brescia auf den österreichischen rechten Flügel vorzugehen. Dies-nicht mehr und nicht weniger – ist der für die vorliegende Frage wesentliche Inhalt der lebhaften Schilderung Augereaus. Nun hat aber General Pierron 55) aus diesem Kern der Erzählung gefolgert, daß der ganze Plan zu der glänzenden Operation, die in wenigen Tagen zur Zertrümmerung des österreichischen rechten Flügels und dann zur Niederwerfung des österreichischen Zentrums führte, nur Augereau zu danken sei, daß also Bonaparte von diesem die „Operation auf der inneren Linie“ gelernt habe, die er später noch so oft und mit Erfolg anzuwenden Gelegenheit hatte. Aber nicht nur, daß Augereau der Lehrmeister Bonapartes war, folgert Pierron; er erblickt auch in dessen Frage an Augereau: „Was würden Sie tun, um die Armee zu retten“ ein unumstößliches Zeugnis für seine Behauptung, daß der französische Feldherr völlig haltlos und verzweifelt in Roverbella eingetroffen war, und seine Gedanken auf nichts anderes gerichtet hatte, als Rückzug:

„Quelle va être son attitude, son inspiration?

„A-t-il eu une inspiration de génie?

„Le témoignage de contemporains est unanime sur ce point: il a été tout d'abord décontenancé. Il n'a songé, au premier moment, qu'à battre en retraite.“ 56)

Die Übertreibungen Pierrons liegen auf der Hand; es sei aber doch darauf hingewiesen, daß Bonaparte schon Mitte April gegen die verbündeten Österreicher und Sarden in der Weise vorgegangen war, daß er erst die feindliche Aufstellung durchbrach und dann mit ein und denselben Kräften die getrennten Gegner nacheinander schlug, also gerade durch eine „Operation auf der inneren Linie“ seine Feldherrnlaufbahn in glänzendster Weise eingeleitet hatte. Und daß Augereau gegen die Aufhebung der Belagerung war – Pierron verschweigt bei seiner Untersuchung diesen Teil des Berichtes wohlweislich – zeigt, wie wenig er den notwendigen Ausgangspunkt des von Bonaparte gefaßten Entschlusses erkannt hatte; erst der Verzicht auf Mantua gab der französischen Armee die Freiheit des Handelns und damit die Möglichkeit zur Anwendung der so erfolgreichen Art des Operierens. – Die zweite Behauptung Pierrons ist ebensowenig haltbar. Es mag zugegeben werden, daß der französische Feldherr bei seinem Eintreffen in Roverbella über die nächsten Maßnahmen noch nicht schlüssig geworden war, und mit Interesse von der Meinung seines Unterführers Kenntnis nahm; aber aus der Frage: „Was würden Sie tun, um die Armee zu retten“ auf die völlige Ratlosigkeit des Fragestellers zu schließen, geht doch nicht an. Der Umstand allein, daß Bonaparte im wesentlichen nicht das getan hat, was Augereau empfahl, beweist zur Genüge, wie wenig er den „Kopf verloren“ hatte. Die zahlreichen Befehle vom 29. und 30. Juli sind ebensoviele Dokumente seiner Entschlossenheit und Zuversicht und man wird in ihnen vergebens nach einem Ausdruck der Verzagtheit und Haltlosigkeit suchen. Wenn er in seinem letzten Schreiben an Augereau von der „malheureuse position de l'armée“ spricht, auf welche Phrase Pierron mit großem Behagen hinweist, so geht nichts anderes daraus hervor, als daß Bonaparte die Lage der Armee so erkannt und bezeichnet hat, und daß sie „malheureuse“ war, kann man wahrlich nicht in Abrede stellen.

Also auch unter der Annahme, daß die Schilderung Augereaus auf Wahrheit beruht, bleibt es immer noch unerfindlich, wie man zu so absprechendem und der ganzen Natur des französischen Feldherrn widersprechendem Urteil gelangen konnte, und es wird geboten sein, überall dort, wohin auf Grund dieses Berichtes Anschauungen der Marke Pierron gedrungen sind, eine Richtigstellung nach der hier entwickelten Seite hin vorzunehmen.

Dieses Gebot erscheint aber um so dringender, je eingehender man die vorliegende Erzählung Augereaus prüft; man erkennt dann nicht nur die an der Oberfläche liegenden Irrtümer, sondern sehr bald auch Entstellungen tieferer Natur, und wird gegen den unkontrollierbaren Rest mit berechtigtem Mißtrauen erfüllt werden. Zunächst mehr oder weniger Äußerliches: Die Division Augereau hatte nicht 10000 Mann, sondern nur 4639; 57) rechnet man die 300 Reiter dazu, die am letzten Tage noch von Kilmaine zu kommen hatten, so mögen es 5000 Mann gewesen sein. Ferner die ungenaue, vielmehr falsche Angabe des erst erhaltenen Befehles: Augereau hatte nicht den Auftrag, nach Verona zu marschieren, und Rampon an sich zu ziehen, sondern er sollte von Zerpa aus gegen Villanova vorstoßen und dabei von Rampon nur unterstützt werden; daß Rampon nicht 6000, sondern in seinen beiden leichten Halbbrigaden nur etwa 3000 Mann zählte, sei noch nebenbei erwähnt. – Weiterhin ist es unrichtig, daß die Division erst am Morgen des 31. von Legnago abmarschiert war. Das mag ein Irrtum und keine absichtliche Entstellung sein, um so mehr als für eine solche vorläufig kein stichhaltiger Grund zu finden ist; aber es dient auch, um zu zeigen, wie wellig Verlas auf die Angaben ist. Die Division ist unzweifelhaft am 30. früh abmarschiert. Der am 29. mittags zu Montechiaro ausgegebene Befehl hat es ausdrücklich so verlangt, und wie könnte sonst Augereau mit seinen Truppen am 31. um 3 Uhr früh in Roverbella sein. Merkwürdig genug ist, daß diese offenkundig falsche Angabe sogar Eingang in kritische Bearbeitungen des Feldzugs gefunden hat. So läßt ein sehr namhafter Autor die Division Augereau am 31. früh von Legnago aufbrechen und am nächsten Mittag in Brescia erscheinen; 106 km in 34 Stunden! Er findet wenigstens Worte der Anerkennung für diese imponierende Marschleistung.

Und nun zu einem springenden Punkt: Die Division war seit einer Stunde gegen Villanova im Marsch, so erzählt der Bericht, als ein Kurier Bonapartes eintraf, mit dem Befehl: „Sie müssen sich auf Roverbella zurückziehen, General . . . Ich vertraue die Ausführung Ihrer stets gezeigten Weisheit und Klugheit an ... Die unglückliche Lage der Armee ist folgende: Der Feind hat unsere Linie auf drei Punkten durchbrochen, er ist im Besitz der wichtigen Posten Corona und Rivoli; Sauret hat Salo aufgegeben und sich nach Desenzano zurückgezogen; der Feind hat sich Brescias und der Brücke von San Marco bemächtigt. . . . . .“

Hier geht der Bericht bedenklich in die Irre. Der zitierte Befehl wurde erst am Abend des 30. verfaßt, konnte also nicht schon am Morgen dieses Tages in den Händen Augereaus sein; die Veranlassung zum Rückmarsch und zur Aufgabe der Etschlinie gab vielmehr der am Nachmittage des 29. in Montechiaro ausgegebene Befehl; aber der Verfasser des Berichts vertauscht die beiden kurzer Hand. Das geschieht nun keineswegs irrtümlich, sondern, wie jetzt unschwer zu erkennen ist, in absichtlicher Entstellung, und es gewinnt fast den Anschein, als ob der Abmarsch der Division nur aus dem Grunde für den 31. angesetzt, also um einen Tag verschoben wurde, um das mehrfach erwähnte und Bonaparte „belastende“ Schreiben vom 30. noch unverfänglich in den Bericht schmuggeln zu können. Man merkt, wo das Ganze hinaus soll: erst wird die Stimmung vorbereitet; der Bericht zeigt die unglückliche Lage der Armee, die allgemeine Verwirrung in Roverbello und die entschlossene Energie, mit der Augereau die Ordnung wieder herstellt; dann trifft der Feldherr persönlich ein, er ist verwirrt und mutlos und ringt vergeblich nach einem Entschluß; endlich gelangt Augereau zum Wort, er hebt den gesunkenen Mut Bonapartes, er belebt ihn mit neuer Hoffnung und Entschlossenheit, und weist ihm den einzigen Weg, der die Armee zu retten vermag und Sieg verheißt. Mit Augereau kehrt die Zuversicht wieder! – Die ganze Tendenz des Berichtes ist unverkennbar und damit ist ihm der historische Wert und der letzte Rest beweisender Kraft genommen.

Daß dieses Urteil zutreffend ist, kann nicht leicht bezweifelt werden, fügt es sich doch passend dem Bilde ein, das die Zeitgenossen und in späteren Jahren auch der Kaiser von Augereau entworfen haben. Kuhl schließt ein zusammenfassendes Urteil über diesen Mann mit den Worten: „Er war eine stattliche, militärische Erscheinung mit einem charakteristischen Gesicht, eitel, etwas Charlatan, habgierig und derart charakterlos, daß 1815 weder Napoleon, noch später Ludwig XVIII. etwas von ihm wissen wollten.“ 58)

Wäre Pierrons Anschauung der Wahrheit entsprechend und hätte der Sieger von Lodi am 31. Juli tatsächlich versagt, so müßte sich doch auch in anderen Aufzeichnungen ein Anhaltspunkt für diese Behauptung finden lassen; die Memoirenliteratur jener Zeit ist ja reichlich genug. So mag auch Pierron gedacht und eifrig gesucht haben; was er fand, war nicht viel: ein Mitkämpfer jener Zeit, der Brigadegeneral Lateille hat in seinen 1803 erschienenen „Considérations sur la guerre“ über diese Ereignisse folgendes erzählt: „Plötzlich brach Wurmser im Etschtale und westlich vom See mit gewaltigen Massen vor. Man mußte vor diesem mächtigen Strome zurückweichen und unglücklicherweise die Belagerung von Mantua, das seinem Falle nahe war, aufheben; aber trotz der Verwirrung, welche der erste Augenblick des Schreckens hervorbrachte, befand sich die französische Armee in einem Augenblick vereint.“ 59)

Nun – schwächer kann die Legende von der geistigen Abspannung Bonapartes nicht gestützt, und kräftiger nicht zerstört werden. Der Führer, der es vermag, seine durch den Schrecken und den wuchtigen Anprall des Feindes in Verwirrung gebrachte Armee in einem Augenblick zu vereinen und zum Siege zu führen, der hat für alle Zeiten, und auch den kritischsten seiner Epigonen, den Beweis hochragender Feldherrngröße erbracht.

Generalstabschef Berthier hat in den ersten Tagen des August in einem Schreiben an den Regierungskommissar Salicetti, dem er voll vertrauen konnte, sich folgend ausgesprochen:

„Der Obergeneral befahl den Truppen, sich zurückzuziehen und sammelte seine ganze Macht bei Roverbella, um die Belagerung von Mantua zu decken. Der Feind, durch seine Übermacht und sein Glück gleich kühn gemacht, rückte vor, um uns ein zweites Treffen zu liefern. Der Obergeneral war schon bereit, um ihm entgegenzugehen, als er erfuhr, daß die Kolonne, die Salo genommen hatte, auf Brescia vorgerückt sei und dieses eingenommen habe; Streifparteien von feindlichen Ulanen wären in unserem Rücken und gingen auf der Straße nach Mailand vor. Wir erfuhren, der Feind sei zu Lonato und wolle uns im Rücken nehmen. In dieser mißlichen Lage mußte man einen großen Plan fassen. Der Obergeneral gab endlich den Entschluß auf, das Schicksal einer Schlacht zu wagen, die keinen anderen Zweck haben sollte, als die Belagerung von Mantua zu decken.“ 60)

Die letzte Bemerkung Berthiers, die das bisherige Kampfobjekt ziemlich geringschätzig abtut, spiegelt treu die Anschauung Bonapartes wieder, die auch dieser in einem Schreiben an Salicetti zum Ausdruck bringt: „Geschlagen, ziehe ich mich an die Adda zurück; siegreich, halte ich mich nicht bei den Sümpfen von Mantua auf.“ 61) Bonaparte sah nicht mehr in der Belagerung von Mantua den Schwerpunkt seiner Aufgabe, sondern angesichts der drohenden Gefahr in der Behauptung der Lombardei, also in der Niederwerfung der österreichischen Entsatzarmee. Gegen diese sich neu entwickelnde Hauptaufgabe tritt das bisherige Ziel in den Hintergrund, und, um alle Kräfte im Interesse des Wichtigsten ansetzen zu können, muß das Nebensächliche vollkommen vernachlässigt werden. So gelangt Bonaparte am Vormittage des 31. Juli zu dem

entscheidenden Entschluss

die Belagerung Mantuas aufzuheben und in Ausnutzung der Trennung beim Gegner mit zusammengehaltener Kraft erst den feindlichen rechten Flügel, also die gefährlichere der beiden feindlichen Gruppen, und dann Wurmser anzugreifen.

Bonaparte selbst hat wenige Tage später seinen Plan in folgende Worte gefaßt:

„Der Feind, der über Brescia und im Etschtal aus Tirol herabstieg, nahm mich in die Mitte; war meine Armee zu schwach, um sich beiden Divisionen des Feindes entgegenzustellen, so konnte sie doch jede einzeln schlagen. Weil sich meine Stellung zwischen ihnen befand, war es mir möglich, durch einen schnellen Rückmarsch erst die in Brescia angelangte feindliche Division zu schlagen, und dann an den Mincio zurückzukehren, Wurmser anzugreifen und diesen zum Rückzug nach Tirol zu zwingen. Aber um diesen Plan auszuführen, mußte man binnen 24 Stunden die Belagerung von Mantua aufheben.“ 62)

Mit dem Verzicht auf Mantua streifte Bonaparte die Fessel von sich, die ihn bis dahin an den unteren Mincio gebunden hatte; er gewann damit die Initiative wieder, und statt, wie bisher, sein Handeln nach dem des Gegners richten zu müssen, drückte er dem weiteren Fortgang der Ereignisse seinen Willen als Gesetz auf. Es ist merkwürdig aber offenkundig, wie dieser große und kühne Entschluß auch dort nicht versagt und in die Erscheinung tritt, wo sich seine Wirkung nicht auf Waffen stützt: wie ein Ungewitter war Wurmser am 29. aus den Bergen gebrochen, am 30. wirft er Masséna entscheidend über den Haufen, am 31. tastet sich der Angriff nur mühsam weiter, und am nächsten Tage erlahmt er völlig. Es ist die Ungewißheit über die Absichten des Feindes, das plötzliche Dunkel, wo man vor kurzem noch so klar gesehen, das Ahnen einer großen, ungewissen Gefahr, was den Angriff Wurmsers ins Stocken bringt.

Zur Ausführung seines Entschlusses erließ Bonaparte im Laufe des 31. Juli von Roverbella die folgenden Befehle:

1. An Sérurier.

„Es ist unumgänglich notwendig, Bürger General, daß alle Truppen, welche in diesem Moment bei S. Giorgio und bei la Favorita stehen, 63) mit ihrer Feldartillerie abmarschieren und bei Goito über den Mincio gehen. Diese Truppen treten nach dem Eintreffen in Goito unter den Befehl des Generals Augereau. Sie selbst marschieren mit jenen Truppen, welche gegenüber Cerese, Pietole und Porta Pradella stehen, 64) nach Marcaria, passieren dort den Oglio und halten die Brücke besetzt. Sie haben mit sich zu nehmen: die gesamten Artilleriemannschaften, einen Teil der Sappeure, den in Borgoforte etablierten (Artillerie-)Stab, und das 8. Dragonerregiment. Sie haben Ihren Abmarsch so lang als möglich hinauszuschieben, um den verschiedenen Fuhrwerkskolonnen den Rückzug zu erleichtern. Was die Belagerungsartillerie anbelangt, so müssen Sie alle jene Stücke, die noch nicht nach Borgoforte transportiert werden konnten, in die Erde verscharren lassen. Die Geschosse lassen Sie in den Sumpf werfen, die übrige Munition machen Sie unbrauchbar und die Lafetten werfen Sie ins Wasser. Sie dürfen aber keineswegs durch die Art der weiteren Beschießung dem Platze Ihre Absicht verraten. Sie müssen vielmehr ein oder zwei Geschütze in jeder Batterie lassen, die noch während der Nacht das Feuer fortzusetzen haben, und erst kurz vor Tagesanbruch sollen sich die Kanoniere zurückziehen. Sorgen Sie für den Abbruch der Po-Brücke bei San Benedetto. Schicken Sie einen Offizier den 200 Mann entgegen, die von Ferrara her im Anmarsch sind, und lassen Sie diese am rechten Po-Ufer nach Piacenza marschieren und die dortige Brücke besetzen.

Die Truppen, welche dem Befehl des Generals Augereau zu unterstellen sind, müssen unbedingt morgen vor zwei Uhr früh bei Goito sein. Was die übrigen Truppen anbelangt, die unter Ihrem Befehl zu marschieren haben, wird es gut sein, wenn Sie dem General Kilmaine die Stunde anzeigen, zu welcher Sie bei Rivalta (am Westende des Sees von Mantua) eintreffen werden um von da den Oglio und die Brücke bei Marcaria zu gewinnen.

Der Rest der Armee marschiert nach Montechiaro. General Kilmaine bildet die Vorhut der Armee. Schicken Sie ihm das stärkere der beiden Grenadierbataillone, welche Sie haben.“ 65)

2. An Kilmaine.

„Während General Sauret Salo angreift, müssen Sie den Feind bei Montechiaro und bei Calcinato angreifen und so im Vereine mit General Sauret über Brescia herfallen. Da ich sehr beschäftigt bin, schicken Sie eine Kopie dieses Befehles durch einen Kurier an General Masséna, welcher daraus ersehen wird, daß von dem Erfolge Ihres Angriffes seine Sicherheit im Rücken abhängt und dann wird er alle verfügbaren Kräfte nach Lonato schicken. Wenn Sie nicht durchdringen sollten, müssen Sie sich so lange auf den Höhen zwischen dem Mincio und der Chiese halten, bis sich General Sauret Ihnen angeschlossen hat; dann vereinigen Sie sich mit der Division Masséna und richten Sie Ihren Marsch auf Pizzighetone. Benachrichtigen Sie die Generale Sauret und Masséna von dem, was Sie unternehmen, und mir teilen Sie den Zeitpunkt mit, wann Sie angreifen werden. Morgen früh wird nicht mehr viel Zeit sein, und der Feind wird mit Macht an der Chiese stehen.

Halten Sie mich von Ihrer Stellung wohl unterrichtet, mein lieber General, damit ich meine Dispositionen danach treffen kann; und wenn Sie zurückgeworfen werden, halten Sie den Gegner so an der Chiese fest, daß Sie im Besitz Ihrer Verbindungen mit Goito und Castiglione bleiben.“ 66)

3. An Massena.

„General Augereau wird mit den Truppen seiner Division, einem Teil der Belagerungstruppen von Mantua, dann jenen, welche unter den Befehlen der Generale Rampon und Cervoni

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stehen, im ganzen mit 12000 Mann und der erforderlichen Artillerie und Kavallerie nach Montechiaro marschieren, wo die Vorhut um 4 Uhr früh einzutreffen hat. Von dort wird man im Verein mit den Generalen Sauret und Despinois Brescia wieder angreifen, und die Divisionen, welche der Feind auf dieser Seite hat, über den Haufen rennen. General Sérurier hat den Auftrag, Mantua während der Nacht zu verlassen, und mit 4-5000 Mann die Brücke über den Oglio bei Marcaria zu besetzen. Sie können also von heute an Ihren Train nach Cremona über Castiglione dirigieren.

Ihren an der Brücke von Borghetto postierten Truppen müssen Sie befehlen, nach Castiglione zu marschieren und vorerst die Brücke gänzlich zu zerstören. Lassen Sie nur einen Kavallerieposten zurück, damit dort niemand passieren kann, und der Feind glaube, wir haben immer noch die Minciolinie besetzt. Mit dem Rest Ihrer Division haben Sie abzumarschieren und sich so zwischen Lonato und Castiglione aufzustellen, daß Sie beim geplanten Angriff mitwirken können. Da unvorhergesehene Umstände einige Veränderungen in der Ausführung der ersten Befehle verlangen könnten, schreibe ich den Generalen Despinois und Sauret, daß sie sich Ihren Anordnungen zu fügen haben. So können Sie mit Ihren Truppen und jenen der Generale Sauret und Despinois Ponte San Marco und Lonato angreifen und selbst die Chiese auf einem höher gelegenen Punkte überschreiten. Wenn wir das Glück haben, Salo wiederzunehmen, würde es erforderlich sein, den General Sauret in seiner Position zu verstärken.

Ich schicke Ihnen den General Saint Hilaire, welcher meine Absichten, sowie die Maßnahmen, welche zu nehmen sind, vor züglich kennt, und welcher Ihnen die notwendigen Aufklärungen geben wird.

Nehmen Sie Ihren Park mit sich, und plazieren Sie ihn so, daß er über Castiglione nach Cremona abgeschoben werden kann, falls wir in Brescia nicht eindringen könnten.

Es ist nicht notwendig, Ihnen in einer so bedeutungsvollen Kriegslage erst Kühnheit anzuempfehlen. Es handelt sich darum, und mag es kosten, was es will, daß wir morgen in Brescia sind.

Lassen Sie in Peschiera den braven General Guillaume geben Sie ihm den Befehl, sich so lange zu verteidigen, als er uns diesseits des Oglio weiß; Sie können ihm aber die Versicherung geben, daß bis zu seiner Befreiung nicht 15 Tage verstreichen werden. Lassen Sie ihm 500 Mann Besatzung und 150 Kanoniere.“ 67)

Nach dem vorstehenden Befehle hatte Valette die Brücke von Valeggio zu zerstören und „nach Castelnovo zu marschieren“. Dieser Auftrag wurde am nächsten Tage von Montechiaro aus noch durch den folgenden Befehl ergänzt, vielmehr näher präzisiert:

4. An Val e t t e.

„Es wird hiermit dem General Valette ausdrücklich die Besetzung und Verteidigung der Höhen von Castiglione befohlen. Falls er von überlegenen Kräften angegriffen wird, so hat er dies dem Obergeneral zu melden, welcher ihn dann mit den Truppen unterstützen wird, die bei Montechiaro und Castiglione zurückbleiben sollen.

Zu diesem Ende hat er Patrouillen bis Goito und Borghetto zu senden, und auf einem dazu geeigneten Kirchturme einen Beobachter zu plazieren, welcher die Bewegungen des Feindes beobachten kann. Wenn General Valette infolge eines Befehles vom General Masséna die Position von Castiglione schon verlassen haben sollte, so hat er sofort dahin zurückzukehren und die anbefohlenen Maßnahmen zu treffen.“ 68)

Bonaparte setzte also seine gesamten Kräfte gegen Westen in Bewegung und ließ abgesehen von der Besatzung in Peschiera – nur 1500 Mann bei Castiglione und schwache Patrouillen am Mincio gegen die österreichische Hauptmacht stehen. Diese Kräfteverteilung illustriert die Kühnheit des Planes, die noch augenfälliger wird, wenn man beachtet, daß der Raum, wo Bonaparte die Entscheidung gegen Quosdanovich sucht, kaum 30 km von Mincio, also nur einen Tagmarsch von den österreichischen Hauptkräften entfernt liegt. Größte Raschheit in der Ausführung des Planes war also geboten, und demnach wurde der Angriff gegen die Linie Ponte San Marco-Montechiaro schon für den Morgen des 1. August befohlen. Ein nächtlicher Gewaltmarsch soll die Armee an die Chiese führen.

Der Wortlaut der gegebenen Befehle läßt die Kommandoverhältnisse der Hauptkolonne etwas im Unklaren erscheinen. Im Schreiben an Sérurier wird General Kilmaine als Führer der Vorhut bezeichnet, der Befehl an Masséna nennt den General Augereau als den Kommandanten der gesamten von Roverbella nach Montechiaro bestimmten Truppen. und der an Kilmaine selbst gerichtete Befehl weist wieder diesem allein den Angriff auf Montechiaro zu. Nach dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse hat es nun den Anschein, daß Kilmaine, der speziell die Kavalleriereserve kommandierte und dem Range nach der älteste Divisionsgeneral war, die Hauptkolonne zwar nominell führte, tatsächlich aber Augereau als Infanteriegeneral die Bewegungen leitete.

Als sehr zweckmäßig erscheint die Zuteilung des Generals St. Hilaire vom Hauptquartier zur Division Masséna. In Ergänzung der diesem General gegebenen allgemeinen Direktiven und im Interesse eines einheitlichen Zusammenwirkens der verschiedenen Kolonnen Sauret, Despinois und Masséna war diese Maßregel sehr geboten.

Gegenüber dem geschlossenen Ansetzen der französischen Armee zum Angriff in der Richtung auf Brescia hat nur die Bewegung der Division Sérurier nach Marcaria etwas Exzentrisches. Marmont hat in seinen Memoiren diese Anordnung Bonapartes gerügt und gemeint, es wäre besser gewesen, auch diese Division gleich nach Montechiaro zu dirigieren, wo sie als Reserve Augereaus in der Lage gewesen wäre, schon am 3. August das Gefecht bei Castiglione zu einem entscheidenden zu gestalten. Diese Einwendung hat gewiß viel für sich, besonders dann, wenn sich die Kritik auf den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse stützt. Bonaparte mußte aber die Möglichkeit ins Auge fassen, daß es Wurmser und der feindlichen Kolonne von Legnago her ein Leichtes sein könnte, rasch auf Mantua vorzugehen und dann auf dieses gestützt Po-aufwärts vorzurücken und die wichtige Linie Marcaria-Cremona-Pavia in die Gewalt zu bekommen. Diese Straße war aber für Bonaparte, besonders solange, als die Verbindung Brescia-Mailand in den Händen der Österreicher war, als einzige Rückzugslinie von großer Bedeutung, denn sie allein gestattete ihm, die zahlreichen Trains möglichst rasch und gesichert aus dem Operationsraum zwischen Chiese und Mincio gegen Westen abzuschieben. Der an Masséna gerichtete Befehl spricht ausdrücklich davon, und es ist anzunehmen, daß Bonaparte auch von Roverbella aus die zahlreichen dort angesammelten Trains, wie die Kranken und Verwundeten von Mantua, über Marcaria gegen Pizzighetone instradiert hat. Die Festhaltung der Ogliobrücke mußte ihm daher von dauernder Wichtigkeit erscheinen. Bevor die Ausführung der französischen Offensive gegen Brescia dargestellt wird, sollen erst die an der Chiese vorausgegangenen Ereignisse des 31. Juli im nächsten Abschnitte erzählt werden.

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  1. Correspondance No. 804. „J'attends Berthier avec impatience avec les officiers de l'état-major.“
  2. Correspondance No. 801.
  3. Correspondance No. 798.
  4. Kuhl, Bonapartes erster Feldzug 1796. Seite 228.
  5. Correspondance No. 803.
  6. und
  7. 7) Siehe Seite 67.
  8. Correspondance No. 791, und Seite 14.
  9. Die beiden leichten Halbbrigaden 17 und 22 unter Rampon.
  10. 10 km unterhalb Legnago.
  11. Zum Aufstau des Etschwassers.
  12. Correspondance No. 796.
  13. Kriegsbrücke bei Sega über den Po.
  14. Correspondence No. 797. (Siehe Seite 56.)
  15. Siehe Seite 70.
  16. Siehe Befehl an General Gaultier, Seite 71.
  17. Siehe Befehl an General Guillaume, Seite 70.
  18. Correspondance No. 799.
  19. Ferrara im Kirchenstaat. Bonaparte verlegte anfangs Juli ein Bataillon der Division Augereau, 200 Mann stark, nach der Zitadelle von Ferrara. Siehe Seite 8.
  20. Auf eine Anfrage beim Municipium von S. Benedetto-Po wurde dem Verfasser mitgeteilt, daß die jetzige Schiffsbrücke über den Po erst seit 1893 datiert, während bis dahin und im Napoleonischen Zeitalter die Verbindung der beiden Ufer mittels fliegender Fähre hergestellt war.
  21. Correspondance No. 800.
  22. Correspondance No. 802.
  23. Cassano an der Adda gelegen, 28 km östlich Mailand, auf der Straße von Mailand nach Brescia.
  24. Correspondance No. 804.
  25. „Occupez le canal à Borgoforte et celui de Mantoue.“ Vermutlich soll der Übergang bei Borgoforte und jener von Mantua, d. h. die unterhalb Mantua von den Franzosen erbaute Kriegsbrücke, besonders besetzt werden.
  26. bei Marcaria.
  27. Correspondance No. 805.
  28. Siehe Seite 67 Befehl an Masséna.
  29. Siehe Befehl an Augereau, Seite 79.
  30. Siehe Seite 54. Übrigens ist hier Rekognoszierung nicht im modernen Sinne zu verstehen, sondern etwa als sogenannte „scharfe Rekognoszierung“; diese spielten ja lange Zeit in Theorie und Praxis eine unheilvolle Rolle.
  31. Memoires de Masséna. Bericht des Generals Rampon an den Generalstabschef Berthier. Rivoli, den 15. August 1796: „J'ai fait ma retraite de Verone en bon ordre, après avoir détruit tous les ouvrages qui pouvaient favoriser l'ennemi, encloué les pièces vénitiennes et brise les affuts . . . . .“
  32. Orzinovi in der Richtung auf Crema-Lodi-Mailand.
  33. Correspondance No. 809.
  34. Anfang Juni waren die meisten der bis dahin bestandenen Grenadierbataillone, die aus Grenadierkompagnien einzelner Halbbrigaden formiert waren, aufgelöst worden. Einige wurden zu der 32. Linienhalbbrigade zusammengesetzt und nur drei, und zwar das 5., 6. und 7. Grenadierbataillon blieben weiterhin als Grenadierreserve bestehen. Das 5. erscheint jetzt hier in Go??o, die beiden anderen waren der Division Augereau zugeteilt.
  35. Hier liegt ein Irrtum vor: Augereau hatte nur die 4. Linienhalbbrigade bei Castellaro. Siehe Befehl 7. an Sérurier.
  36. Correspondance No. 810.
  37. Correspondance No. 811.
  38. Correspondance No. 812.
  39. Siehe Befehl an Sérurier, Seite 72.
  40. Correspondance No. 808.
  41. Correspondance No. 807.
  42. Mémoires de Masséna p. 485. Despinois au général en chef Bonaparte, Alexandrie, le 9 fructitor (23. August) 1796. „ . . . . Le 12 thermidor (30 juillet) au soir, lorsque vous nous rassembâltes, moi et le général Sauret, en présence du général Berthier, au bivouac devant Desenzano, pour raisonner de l'attaque de Salo . . . .“
  43. Correspondance No. 842. (Siehe Anhang.)
  44. Kommandant der 32. Linienhalbbrigade.
  45. Mémoires de Masséna, p. 486.
  46. Correspondance No. 806.
  47. Correspondance No. 820.
  48. Mémoires de Masséna. Pièces justificatives No. XVIII. Despinois au général en chef Bonaparte.
  49. Spectateur militaire. Tome 37. 4. demi-brigade de ligne.
  50. Diese Aufklärung gibt Augereau, da der an Kilmaine gerichtete Befehl irrtümlich von „zwei Halbbrigaden Augereaus“ sprach. Siehe S. 78.
  51. Unrichtige Angabe; die Entfernung beträgt 10 1/2 ital. Meilen.
  52. Correspondance inédite. Augereau en général en chef. Roverbella, le 13 thermidor (31. juillet).
  53. Hier kann es sich nur um vorgeschobene Kavallerie der Kolonne Mészáros handeln.
  54. Mémoires de Masséna; p. 458-461. Pièces justificatives, No. XIV.
  55. Comment s'est formé le génie militaire de Napoléons Ier I Paris 1888.
  56. Pierron, page 27.
  57. Études sur la campagne de 1796-97 en Italie par J. C. page 163.
  58. Kuhl, Seite 166.
  59. Pierron, Seite 30.
  60. eldzug des Generals Buonoparte in Italien während des 4. und 5. Jahres der französischen Republik. Von einem General der italienischen Armee. Aus dem Französischen übersetzt von Frey. Paris im 6. Jahre der Republik. (Seite 139-140).
  61. Correspondance No. 820.
  62. Correspondance No. 842.
  63. Nördlich des Sees von Mantua.
  64. Südlich des Sees von Mantua.
  65. Correspondance No. 813.
  66. Correspondance No. 814.
  67. Correspondance No. 815.
  68. Correspondance No. 818.

Library Reference Information

Type of Material: Text (Book, Microform, Electronic, etc.)
Personal Name: Hortig, Viktor
Main Title: Bonaparte vor Mantua, ende juli 1796.
Der erste entsatzversuch.
Von Dr. Phil. Hortig.
Mit 5 Karten und 5 Textskizzen.
Published/Created: Rockstock, Stiller (G. Nusser) 1903.
Description: viii, 204 p. illus. (5 plans) 5 Fold. maps (in pocket) 23cm.
Notes: "Verzeichnis der benutzten quellen": p. [203]-204.
Subjects: Napoléon I, Emperor of the French, 1769-1821 --Military leadership.
First Coalition, War of the, 1792-1797--Campaigns--Italy.
Mantua (Italy)--History--Siege, 1796-1797.
LC Classification: DC223.4 .H6
Pages: 60-105