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 Research | Napoleonic Hortig Bonaparte vor Mantua German Chapter III

Bonaparte vor Mantua

III. Betrachtung der französischen Aufstellung.

Bonaparte mußte erwarten, daß Österreich in Erkenntnis der hohen militärischen und politischen Bedeutung von Mantua sehr bald einen energischen Versuch zum Entsatz dieser Festung unternehmen, und mit den in Tirol versammelten und vom Rhein her durch Nachschübe bedeutend verstärkten Truppen gegen seine Aufstellung vorbrechen werde. Den zur Deckung der Belagerung vorgeschobenen französischen Divisionen waren daher die nächstliegenden Aufgaben klar vorgezeichnet: sie hatten die aus Tirol gegen Mantua führenden Straßen und Wege zu bewachen, d. h. zu beobachten und zu sperren. Zur Beobachtung mußten Kavallerieabteilungen weit vorgeschoben werden, tunlichst bis an die österreichischen Vorposten, und zum Sperren der Anmarschlinien waren Stellungen vorzusehen und vorzubereiten, in welchen man im Falle eines Angriffs den ersten Widerstand leisten und dem Armeekommando die Zeit verschaffen konnte, die Verwendung der zurückgehaltenen Hauptkräfte zu überlegen, zu disponieren, und in Ausführung zu bringen. Je weiter die Beobachtungssphäre hinausgeschoben wurde, je früher man also vom Beginn der feindlichen Operationen und ihrer Art unterrichtet war, und je glücklicher die Linie des ersten Widerstandes gewählt wurde, je nachhaltiger also dieser Widerstand geleistet werden konnte, um so größer wurde der Gewinn an Zeit, um so zweckmäßiger und gesicherter konnte der französische Feldherr seine Maßregeln treffen.

Die möglichen Anmarschrichtungen der Österreicher waren die folgenden:

  1. Die kürzeste Verbindung von Tirol nach Mantua durch das Etschtal über Castelnovo und Roverbella,
  2. eine westlich des Gardasees durch Judicarien im Chiesetal herab,
  3. eine östliche, nur wenige und schlechte Saumwege umfassende, über die Monte Lessini gegen Verona und
  4. die am weitesten nach Osten ausholende Straße durch das Val Sugana über Bassano und Vicenza, gegen Verona und Legnago führend.

Gegenüber den beiden erstgenannten Richtungen war die französische Aufstellung offen; gleich beim Ansetzen des Angriffs auf die Stellungen von Salo und Corona standen die Österreicher auf nur zwei Tagemärsche vor Mantua, und kein natürliches Hindernis war mehr zu überwinden. Den letztgenannten Anmarschrichtungen hingegen legte sich die Etsch mit ihren durch Befestigungen gesicherten Übergangen als kräftige Widerstandslinie quer vor. In der Front nach Osten konnte man also, gestützt auf Verona und Legnago, mit schwächeren Kräften das Auslangen finden, während gegen Norden die Hauptkraft der Franzosen aufgestellt werden mußte. Zog man ferner in Erwägung, daß die Straße durch das Chiesetal direkt auf Brescia und die rückwärtigen Verbindungen der Franzosen zielte, so war unter allen vier Anmarschrichtungen jene westlich vom Gardasee als die gefährlichste und mithin auch als die wichtigste zu erkennen.

Betrachtet man nun die französische Aufstellung vom 28. Juli, so sucht man vergebens nach einer Berücksichtigung dieser maßgebenden Gesichtspunkte. Unter Vernachlässigung des ohnehin sehr losen Divisionsverbandes und Zusammenfassung der einzelnen Gruppen lediglich der Stärke nach, sieht man an der Etsch, mit der Front nach Osten, von Verona bis unterhalb Legnago 18000 Mann, – hier auch den tätigsten und energischsten der französischen Generale, Augereau, – mit der Front nach Norden 14000 Mann, davon nur ein Drittel westlich des Gardasees, und endlich in Reserve bei Peschiera 2500 Mann. Die Kräfte verhalten sich zur Wichtigkeit der Anmarschlinien, die sie zu decken haben, genau im umgekehrten Verhältnis.

Legt man die vorausgegangenen Erwägungen für die französische Aufstellung als richtig zu Grunde, so wäre es zweckmäßiger gewesen: Verona und Legnago nur mit untergeordneten Kräften zu besetzen, die Anmarschlinien westlich und östlich des Gardasees in gut gewählten, sorgfältig vorbereiteten und weit vorgeschobenen Verteidigungsstellungen aufzufangen, die geschlossene Hauptkraft aber als Reserve an das Südende des Gardasees zu stellen. Von hier aus konnte dann je nach Bedarf die französische Hauptmacht entweder gegen die Etsch oder gegen die Chiese in Bewegung gesetzt werden; dabei wäre es für die Durchführung eines raschen Uferwechsels von Vorteil gewesen, die Zahl der Mincio-Übergänge südlich von Peschiera durch Kriegsbrücken zu vermehren.

Die von den Franzosen tatsächlich eingenommene Aufstellung darf aber nicht nur vom rein militärischen Standpunkt allein beurteilt werden. Es ist vielmehr in Betracht zu ziehen, daß auch Erwägungen politischer Natur bei Bonaparte sehr wahrscheinlich von mitbestimmendem Einfluß waren. Gehörte doch die ganze Etschlinie mit Verona und Legnago zu Venedig und stand man zu diesem in einem ganz merkwürdigen Verhältnisse, das zwischen Krieg und Frieden so ungefähr die Mitte hielt. Die Venetianer hatten nämlich den Österreichern Ende Mai die Festung Peschiera als Stützpunkt zur Mincio-Verteidigung überlassen, und damit Bonaparten den ihm sehr willkommenen Anlaß gegeben. zunächst dem Senat von Venedig wegen seines feindseligen Verhaltens gegen Frankreich die schwersten Vorwürfe zu machen, und dann, worauf es ihm besonders ankam, mit einer gewissen Berechtigung Verona und Legnago zu besetzen. Einmal da, lehnte er dann weitere Verhandlungen mit dem Senat einfach ab und schaltete in den besetzten Gebietsteilen wie im eroberten Lande. 1) War nun auch von den geringen Kräften der altersschwachen Republik wenig oder gar nichts zu fürchten, so mußte sich doch Bonaparte der Möglichkeit von Überraschungen versehen, und in die beiden festen Plätze, besonders das reich bevölkerte große Verona, starke Garnisonen legen.

Aber abgesehen von der Kräfteverteilung im großen, auch die Art der Aufstellung im einzelnen, wie jene von Salo, war nicht immer zweckmäßig gewählt. So hatte Sauret den Raum westlich des Gardasees zu decken, und hielt seine Kräfte ziemlich enggeschlossen im Dreieck Gazzane-Salo-Gavardo. Auf dem direkten Wege von Nozza über San Eusebio nach Brescia stand nicht ein Mann. Diese Aufstellung Saurets war völlig verfehlt. Auch hier mußte beachtet werden, welche Einbruchslinien den Österreichern aus Tirol in den zu schützenden Raum zur Verfügung standen; da kam nur der eine Weg über Storo-Rocca d'Anfo nach Nozza in Frage, von welch letzterem Ort allerdings fünf Zweige, meist nur Fußwege, teils ins Val Trompia und nach Brescia, teils an den Gardasee führten. Der ganze Raum westlich des Sees war daher am wirksamsten durch eine Aufstellung jenseits des Gabelpunktes, also nördlich von Nozza zu verteidigen, vielleicht am besten unter Verwertung des engen Defilés und des alten, befestigten Schlosses von Rocca d'Anfo. Der nördlichste Einbruchsweg ins Val Trompia, der Saumweg von Bagolino über Collio, durfte dabei nicht vernachlässigt werden, und mußte von Nozza oder Brescia aus mindestens durch Kavallerie beobachtet werden. Die von Sauret tatsächlich eingenommene Aufstellung deckte aber nur den einen Weg von Nozza nach Desenzano und vernachlässigte alle anderen. Bonaparte erkannte dies wohl auch, gab aber erst in letzter Stunde, kurz vor dem Anmarsch der Österreicher und nachdem es zu einer Änderung schon zu spät geworden war, eine diesbezügliche Anordnung. Ein aus dem Hauptquartier Brescia am 27. Juli ergangener Befehl verfügte zunächst die Rekognoszierung einer Verteidigungsstellung bei Nozza, dann den Vormarsch Saurets in diese Stellung, und ordnete weiter die Bildung einer Reserve bei Brescia und die Besetzung von Collio an. 2) Dieser Befehl kam aber nicht mehr zur Ausführung.

Bei der Beurteilung der französischen Aufstellung vom 28. darf aber eines nicht außer acht gelassen werden, was auf den Gang der nächsten Ereignisse von allergrößtem Einfluß war und die verhängnisvollen Niederlagen der Franzosen am 29. und besonders am 30. gewiß wesentlich mitverschuldet hat: der Standort des französischen Armeehauptquartiers.

Wo dieses am zweckmäßigsten zu etablieren war, darüber kann kein Zweifel sein. Ein Blick auf die Karte läßt Castelnovo am Kreuzungspunkt der Hauptstraße Roveredo – Mantua mit der Straße Brescia-Verona ohne weiteres als den gegebenen Aufenthaltsort für den Höchstkommandierenden erkennen. Hier liegt nahezu der mathematische Mittelpunkt des die Orte Salo, Madonna della Corona und Verona verbindenden Kreises, und Mantua liegt nicht weit von dessen Peripherie. Man kann sich natürlich nur schwer den französischen Feldherrn, wohl den tätigsten Mann seiner Zeit, wie festgebannt an einen Ort denken, wird viel. mehr gerne und mit vollstem Verständnis seiner raschen Beweglichkeit folgen, die ihn heute nach Roverbella und morgen nach Verona eilen läßt, um ihn nächsten Tags nach Legnago und Marmirolo zu führen; daß er sich aber am Tage des österreichischen Angriffs, der ihm doch nicht unerwartet kommen konnte, in Brescia befindet, 70 km von den Stellungen bei Corona und Verona und reichlich 100 km von Legnago, ist ohne nähere Erklärung völlig unverständlich.

Daß Bonaparte durch die Besorgnis für seinen linken Flügel in die Gegend von Brescia geführt worden war, wäre glaubhaft, wenn er den vorhin erwähnten Befehl vom 27. an Sauret, bezüglich einer Aufstellung bei Nozza, auf Grund einer persönlichen Rekognoszierung gegeben hätte; so aber war diese Disposition nur auf Grund von Karten erteilt, und das hätte er ebenso gut von Verona aus gekonnt. Von irgend welchen dringenden politischen Ereignissen, die ihn um jene Zeit ernsthafter beschäftigt und nach Brescia geführt hätten, wird nichts berichtet, und die „Correspondance de Napoleon I“, das monumentale Zeugnis seiner beispiellos vielseitigen und fruchtbaren Tätigkeit, weist da sogar eine merkbare Lücke auf, denn sie bringt nicht ein Aktenstück mit dem Datum des 25. oder 26. Juli.

Für sein Verweilen in Brescia kann man also auf dem Gebiete militärischer oder politischer Erwägungen keine Erklärung finden, wohl aber auf einem anderen, weit abseits davon gelegenen, wenn man einem Fingerzeige Marmonts folgt, der in jener Zeit Bonapartens Adjutant und steter Begleiter war. Dieser schreibt in seinen Memoiren: 3) „So sehr der General Bonaparte mit den ihm anvertrauten Interessen und mit seiner Zukunft beschäftigt war, so fand er doch noch Zeit, sich Gefühlen anderer Art hinzugeben: er dachte unaufhörlich an seine Gemahlin.“ 4) Folgt man diesem Hinweis auf die leidenschaftliche Liebe des jungen Generals, so erkennt man bald in ihr den einzigen Grund seiner Reise nach Brescia. Es findet sich nämlich unter den gesammelten Briefen 5) Bonapartens an Josephinen auch einer aus Castiglione, datiert vom 4. Thermidor (22. Juli), der im wesentlichen folgenden Inhalt hat:

„Die Bedürfnisse der Armee erfordern meine Anwesenheit hier; ich darf mich nicht zu weit entfernen, Mailand also ist mir versagt; ich brauchte dazu 5 oder 6 Tage und während der Zeit könnten Bewegungen nötig werden, die meine Anwesenheit fordern. Du versicherst mir, Dein Befinden sei gut, sei also gebeten nach Brescia zu kommen. Ich schicke soeben Murat dorthin, um ein Quartier für Dich zu besorgen, so wie Du es nur wünschen kannst. Du wirst am besten tun, wenn Du am 6. (24. Juli) in Cassano übernachtest, nachdem Du zu später Stunde Mailand verlassen hast; Du bist dann am 7. (25. Juli) in Brescia, wo Dich mit Sehnsucht der erwartet, der Dich zärtlich liebt. . . Gesundheit also und pünktliche Ankunft in Brescia! . . . Reise in kleinen Etappen und während die Luft frisch ist, damit Du nicht ermüdest. Die Truppen brauchen drei Tage bis Brescia. Die Poststraße beansprucht 14 Stunden; ich halte es für das Beste, Du nächtigst in Cassano, am 7. (25. Juli) komme ich Dir so weit wie möglich entgegen.“ 6)

Es wäre der Zweifel gestattet, ob die Generalin tatsächlich nach Brescia gekommen und ihren Gatten dort festgehalten hat; aber ein Vorfall, der sich am 30. Juli bei ihrer Flucht aus dieser Stadt vor den anmarschierenden Österreichern ereignete, beweist zur Genüge, daß sie auch wirklich in Brescia war. Das Tagebuch eines Emigranten, des Marquis von Vérac, 7) der diesen Feldzug auf österreichischer Seite mitgemacht hat, enthält folgende Notiz aus jenen Tagen: „Durch die Kanonen der Festung (Brescia) wurden zwei Pferde vor dem Wagen getötet, in welchem Madame Bonaparte sich retten wollte; sie mußte zu Fuß fliehen und dann einen kleinen Landkarren nehmen.“

Man darf sich demnach wohl kaum der Erkenntnis verschließen, daß weder militärische noch politische Beweggründe den französischen Feldherrn zu seinem Ritt nach Brescia veranlaßt haben, sondern daß es einzig und allein Bonapartens Sehnsucht nach der Gattin war, welche für den kritischen 29. Juli die Armee ihres Führers beraubte. Denkt man an die damalige Lage der französischen Armee, die in einer weit ausgedehnten Front von über 100 km das überraschende Vorbrechen der Österreicher aus irgend einer Richtung täglich erwarten mußte, eine Situation, in der jede Stunde Verzögerung in der Befehlsgebung von den bedenklichsten Folgen sein konnte, und hält man die Tatsache dagegen, daß sich Bonaparte durch seine heiße Leidenschaft von dem einzig richtigen Posten inmitten dieser ausgedehnten Aufstellung hinweg nach dem fernen Brescia entführen läßt, so hat man einen Maßstab gefunden, an dem gemessen das ungeheuere Selbstvertrauen dieses seltenen Mannes zu schwerer Schuld an seinem Vaterlande wird.

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  1. Als ein Dokument dafür, unter vielen anderen, diene der folgende. Brief (Correspondance No. 795):

    An den Herrn Generalproveditore der Republik Venedig in Brescia.

    Hauptquartier Brescia, 28. Juli 1796.

    Der Obergeneral der italienischen Armee, Bonaparte, hat soeben die Spitäler der französischen Armee in Italien besucht, und er hat mit Betrübnis gesehen, daß wenigstens 500 Kranke ohne Betten sind. Er fordert Sie auf, Befehle zu erteilen, daß die Klöster San-Faustino, la Pace, San-Pietro, San-Christo, die Kapuziner und die Theatiner morgen vormittags je 100 Kranke aufnehmen. Er fordert außerdem, daß jedes Kloster Wein, Betten, Brot, Fleisch, Fleischbrühe, Essig, mit einem Worte alles liefern, was die Kranken bedürfen. Sie müssen auch die nötigen Wärter liefern.

    Der in Brescia verwendete Kriegskommissär, welcher diesen Brief überbringt, wird sich mit Ihnen über die Mittel verständigen, die oben bezeichneten Anordnungen zu vollziehen.

    Auf Befehl des Obergenerals.

  2. Corresp. No. 794. Hauptquartier Brescia, 27. Juli.
  3. Memoires du maréchal Marmont. 2. Band. Paris 1857.
  4. Bonaparte hatte Josephine Beauharnais am 9. März 1796 geheiratet, war schon am 11. März zur Armee abgegangen und ließ sie später in Begleitung seiner beiden Adjutanten Junot und Murat, die zur Übergabe erbeuteter Kriegstrophäen von Bonaparte nach Paris geschickt worden waren, nach Italien nachkommen. Sie traf unter glänzender Eskorte anfangs Juni in Mailand ein, von Bonaparte mit fürstlichen Ehrenbezeugungen empfangen und nach dem mit höchstem Luxus ausgestatteten Palast des Herzogs von Serbelloni geleitet, wo sie bis auf weiteres Aufenthalt nahm.
  5. Die Briefe Napoleons an Josephine sind nach deren Tode in den Besitz der früheren Königen von Holland, der Tochter Josephinens aus erster Ehe, Herzogin von St. Leu, übergegangen, und wurden 1833 bei Didot frères in Paris veröffentlicht. (Übersetzung von Oskar Marschall von Bieberstein, Leipzig 1901.)
  6. Der vollständige Wortlaut des Briefes ist im Anhang abgedruckt.
  7. Le Marquis de Vérac et ses amis, Seite 114.

Library Reference Information

Type of Material: Text (Book, Microform, Electronic, etc.)
Personal Name: Hortig, Viktor
Main Title: Bonaparte vor Mantua, ende juli 1796.
Der erste entsatzversuch.
Von Dr. Phil. Hortig.
Mit 5 Karten und 5 Textskizzen.
Published/Created: Rockstock, Stiller (G. Nusser) 1903.
Description: viii, 204 p. illus. (5 plans) 5 Fold. maps (in pocket) 23cm.
Notes: "Verzeichnis der benutzten quellen": p. [203]-204.
Subjects: Napoléon I, Emperor of the French, 1769-1821 --Military leadership.
First Coalition, War of the, 1792-1797--Campaigns--Italy.
Mantua (Italy)--History--Siege, 1796-1797.
LC Classification: DC223.4 .H6
Pages: 18-25